Schilderung einer Trauerlähmung
Nichts ist, wie es einmal war, ein Satz, nicht hier aus dem Film von Sandra Wollner, ein Satz, der überall Anwendung findet, wenn Einschneidendes wie der Tod menschliche Beziehungen trifft.
Jessie (Carla Hüttermann) ist 2024 gestorben. Sie ist laut Grabstein 2007 geboren worden, wurde also 17 Jahre alt. Nichts ist mehr, wie es einmal war bei ihrer Mutter (Birgit Minichmayr), bei ihrem Ex-Freund oder Bruder, ist nicht ganz klar geworden, jedenfalls bei Lux (Tristan López) und bei der kleinen Schwester Mellie (Lotte Shirin Keiling). Diese belebt ab und an mit görenhaften, altklugen Bemerkungen das zweistündige Trauerspiel, also: das kinematogaphische Trauerspiel.
Wie kann man nur zwei Kinostunden füllen und so gar nichts erzählen? Wie kann man so an einem erfundenen deutschen Alltag kleben und die Freiheiten des Kinos nicht nutzen?
Gegen Ende erst kommt eine Kitschstory mit dem süßen Findelkind auf Teneriffa, das die Familie Jessie nennt, auf. Hier versucht das Kino kurz abzuheben, bleibt aber zäh auf der Teerpiste kleben. Kommt nicht voran. Hat nichts zu erzählen. Das macht die oft stark überschminkte Frau Minichmayer zwar gut wie immer. Aber deswegen geht niemand ins Kino.
Niemand geht ins Kino, wenn eine tv-taugliche deutsche Alltagsrealität erfunden wird mit Sätzen wie: „Ich habe Bock auf Milanese“, „Is noch gar keiner da, wo sind sie denn alle?“, dazu fällt der Kamera auch nicht viel ein, außer desorientiert eine Fassade abzusuchen, „Das war ein Schnäppchen, Melli, das kostet normal das Dreifache“, wie kann man nur so betuliches Kino machen?, „Du, dann reich doch … einen Antrag auf Fristverlängerung ein.“, „Die haben da irgendwas falsch verbucht“, „Kannst du schon mal wegräumen?“, Bedeutungslostalk, Verdrängungstalk?
Im Zweifelfall, vielleicht gabs von der Dramaturgieberatung den Tipp, schneidest einen Sonnauf- oder Sonnenuntergang rein, wenn Du nicht mehr weiterweißt, in Berlin oder auf Teneriffa. Teneriffa schmerzt besonders, wenn man an den neuesten Film von Pedro Almodóvar Bitteres Fest denkt, was der aus der Insel mit der schwarzen Erde zaubert. Aber dem reden ja auch keine deutschen Fernsehredakteure rein. Drohnenspielereien, das scheint ihnen zu gefallen. Da kommen sie mit.