Ukrainische Erfahrungen auf dem Kaltenberger Ritterturnier 2026

Staunend ziehen Hanna und Sasha über das brechend volle Gelände des Kaltenberger Ritterturniers. Gleich beginnt der Geländeumzug, die Besucher drängen zu den besten Plätzen entlang der Route. An ein Weiterkommen ist nicht zu denken. Fantasievolle Gestalten auf langen Stelzen scheinen über den Köpfen der Leute vorbeizuschweben, ein Feuerspucker zeigt seine Kunst, Barden spielen Musik, Ritter rasseln mit ihren Kettenhemden, klappern mit ihren Rüstungen und drohen Grimassen schneidend mit ihren Schwertern. Die beiden 23-jährigen Ukrainerinnen aus Zhytomyr genießen das Spektakel – mehr aber noch die Tatsache, dass der echte Krieg heute ganz weit weg ist.

Schon zuhause hatten sie sich mittelalterlich anmutende Kleidung besorgt, Hanna hat sich als Elfe geschminkt. Den ganzen Nachmittag trägt sie spitze Gummiohren, und das bei großer Hitze. „Es fühlt sich an, als würde man an ein Filmset kommen oder in ein anderes Universum eintreten“, beschreibt sie ihren Eindruck. Besonders die große Arena-Show mit ihrer gewaltigen Kulisse und den Spezialeffekten habe sie begeistert. Auch über den Markt sei sie lange geschlendert und habe einige Andenken gekauft – „auch wenn manches schon ziemlich teuer war“, sagt sie schmunzelnd.

Hanna, als Elfe verkleidet

Kaltenberg stand schon vor einigen Jahren auf ihrem Programm. Damals machte allerdings Dauerregen dem Vergnügen einen Strich durch die Rechnung, es war nass und kühl. „Es war trotzdem schön, aber überhaupt nicht vergleichbar“, erinnert sich Sasha.  Sie – von Beruf Ausstatterin in einem Theater – trägt ein Gauklerkostüm und hat einen Heidenspaß an diesem Tag.

Hanna und Sasha in Kaltenberg

Diesmal zeigt sich das Ritterturnier von seiner besten Seite. Ein lauer Sommerabend, angenehme Temperaturen und warmes, buntes Licht verzaubern das Gelände in eine fast märchenhafte Welt. Überall führen Handwerker alte Künste vor, es gibt Essen und Getränke oder Lagerleben: Mitwirkende wohnen hier während der drei Turnierwochen tatsächlich in Zelten oder Hütten. Das Turnier selbst ist eine hochprofessionelle Stuntshow mit Lanzenstechen, Schwertkämpfen und mehr, eingebettet in eine sich jährlich wandelnde dramatische Rahmenhandlung.

In ihrer Heimat gab es vor dem russischen Großangriff durchaus ähnliche Veranstaltungen. Hanna erinnert sich an das Festival „Ancient Kyiv“, bei dem Reitkunst, historische Waffen und mittelalterliche Darstellungen im Mittelpunkt standen. Heute seien solche Veranstaltungen weitgehend ausgesetzt oder durch kleinere Benefiz- und Kulturveranstaltungen ersetzt worden.

Für die beiden Frauen gehört Luftalarm zuhause zum Alltag. Mehrmals täglich heulen auch in Zhytomyr die Sirenen. Zwar bleibt ihre Heimatstadt meist von direkten Angriffen verschont, doch die ständige Unsicherheit begleitet das Leben. Ist es da nicht seltsam, ausgerechnet ein Spektakel zu genießen, bei dem Kämpfe zur Unterhaltung inszeniert werden?

„Nein“, sagt Hanna nach kurzem Nachdenken. „Der Krieg lehrt einen, jeden einzelnen Tag auszukosten und möglichst viele schöne Erinnerungen zu sammeln.“ Dass Menschen hier unbeschwert feiern, störe sie überhaupt nicht. Nur die lauten Explosionen und Knalle während der Show hätten sie ein paar Mal zusammenzucken lassen. „Wenn wir hier sind, möchten wir einfach den Abend genießen. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Heimat vergessen“, ergänzt Sasha.

Trotz aller Begeisterung für Kaltenberg und ihren Urlaub in Bayern freut sich Sasha bereits auf die Rückkehr. „Ich schlafe gern wieder in meinem eigenen Bett“, lacht sie. Während ihres Besuchs schlafen sie und Hanna auf der Gästecouch eines Freundes in Augsburg – bequem ja, aber eben nicht wie zuhause.

Als Hanna und Sasha nachts um halb zwei das Festgelände verlassen, ist klar: Sie werden wiederkommen. Hanna würde dann gern auch ihre Mutter und Freunde aus der Ukraine mitbringen – sobald das Reisen wieder einfacher möglich ist. Nur einen Wunsch hat sie noch: Weil das Ritterturnier jedes Jahr voller werde, wären ein größerer Eingangsbereich oder eine stärkere Begrenzung der Besucherzahl aus ihrer Sicht eine Überlegung wert. Und diesmal wollen die beiden auch auf Sitzplätze sparen.

Beim Kaltenberger Ritterturnier 2026
Beim Kaltenberger Ritterturnier 2026
Lanzenstechen beim Kaltenberger Ritterturnier 2026
Lanzenstechen beim Kaltenberger Ritterturnier 2026

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