H wie Habicht

Die Sache mit dem Fokus,

die ist elementar für einen Fotografen.

Der Pressefotograf Alisdair MacDonald (Brendan Gleeson) erzählt beim Durchblättern alter Fotoalben seiner Tochter Helen (Claire Foi), wie er bei einem Foto aus einem Helikopter heraus sich nur noch mit einer Hand festgehalten habe und bei einer Drehung des Helis schier rausgefallen wäre. Ob er denn keine Angst gehabt hätte. Überhaupt nicht, beim Fotografieren sei er so auf den Fokus konzentriert, dass er alles andere ausblende.

So dürfte es dem titelgebenden Habicht gehen, wenn er auf der Jagd nach Fasanen oder Kaninchen wie ein Kampfhelikopter über die Felder rast und durchs Niedrigholz pflügt. Diese Jagdtechnik unterscheidet den Habicht vom Falken, der im Sturzflug seine Beute greift. Der Habicht ist das Verbindungsstück zur Hauptfigur Helen.

Das Drehbuch ist von Philippa Lowthorpe und Emma Donoghe nach deren Buch, in dem sie die Trauerarbeit über den Tod ihres Vater, des berühmten Fotografen, mittels Falken beschreibt.

Regie bei diesem vielseitig, vielschichtigen Erzählkino hat Philippa Lowthorpe übernommen. Der Film spielt im Todesjahr des Vaters 2007. Helena hat als Wissenschaftlerin eine Stellung an der Uni in Cambridge. Das ist für die Nichtakademikerfamilie MacDonald, es gibt noch die Mutter (Lindsway Duncan) und den Bruder James (Josh Dylan), eine Großartigkeit.

Zum Zeitpunkt des Todes des Vaters hat Helen ein Angebot nach Berlin, das sie eigentlich nicht ausschlagen kann. Sie scheint allein zu leben. Ihre dickste Freundin ist Christina (Denise Gough). Sie lernt über eine Dating-Plattform Männer kennen. Helen scheint von Depressionen gefährdet zu sein.

Nach dem Tod des Vaters ist sie in einer Situation, in der sie vieles entscheiden muss Sie ist überfordert damit. Stattdessen bestellt sie über das Internet einen Habicht. Die Tiere sind ihr vertraut.

Der Film erzählt diese Dinge nicht als Problemfilm oder wie ein deutscher Themenfilm es tun würde. Er lässt sich darauf ein, hält sich in der Natur auf, ist bei Besprechungen für die Abdankung dabei und vor allem bei der Lieferung des Habichts, der Entwicklung der Beziehung zwischen diesem und Helen. Sie nennt ihn Mabel.

Etwas Mystisches umgibt das Verhältnis von Helen und Mabel. Einmal kommt auch die Rede auf die mittelalterliche Mystik.

Der Film endet mit einem Zitat, darüber, dass die Dinge gut würden, von Juliana von Norwich von 1408. Hierbei scheint es zentral um die Welthaltung von Helen zu gehen. Sie handelt und reagiert nicht so rational, wie die Umwelt es sich wünschte, wie der Rationalismus und das praktische Denken es verlangen würden. Sie geht diese Beziehung zu Mabel ein und betont ausdrücklich, dass das weder ein Ersatz für eine menschliche Liebesbeziehung noch ein Hobby sei, dass der Habicht weder Freund noch Partner noch Kuscheltier sei. Sie muss kritische Studentenfragen beantworten, warum sie mit dem Habicht das Töten unterstütze. Sie sieht in dieser Beziehung ein Verhältnis zur Natur, das dem Menschen weitgehend abhanden gekommen ist. Aber auch solche Auseinandersetzungen sind nur einige der feinen Zutaten zu diesem Film.

In Rückblenden mit dem Vater, ist über diesen zu erfahren, dass er als Projekt sämtlich Brücken der Themse fotografieren wollte. Hier macht der Film einen Kurzausflug an die Quelle der Themse.

Eine weitere Zutat sind Fotos, die er geschossen hat, da blitzt kurz ein Stück Geschichte auf; nicht schlecht, wen er alles vor die Linse bekommen hat. Der Kernpunkt der Erzählung scheint das Thema der Depression, des Alleinseins und als Gegenmittel jenes des Fokus‘ zu sein. Erzählerisch grandios behutsam und verführerisch verpackt.

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