Nur Mädchen im Kopf
Zwei markante Szenen in diesem in lauter kurzen und eleganten Flashs und in Farbe knapp und spannend erzählten Coming-of-Age-Film von Jean Eustache von 1974 geben die Eckpunkte für das Erwachen von Lust und Begehren bei Daniel (Martin Loeb).
Daniel lebt bei seiner Oma (Jacqueline Dufranne) auf dem Lande irgendwo im mittleren Frankreich. Vom Alter her stünde nach Ende des Schuljahres der Übertritt ins College an. Seine Mutter (Ingrid Caven) arbeitet als selbständige Näherin in Südfrankreich und lebt dort mit einem spanischen Landarbeiter zusammen. Einen Vater gibt es nicht.
Die erste Szene mit thematischer Parameterwirkung ist eine Begegnung in der Schule mit dem größten und stärksten Mitschüler. Daniel geht auf ihn zu und boxt in direkt in den Magen. Der nimmt das ohne die geringste Absicht, zurückzuschlagen, hin. Aber Daniel hat sich aufgeschwungen zum Sich-Positionieren innerhalb des eigenen Geschlechts.
Hierzu folgt später eine Szene, in der Daniel Härte beweist, indem er auf einer Wiese zwei Weinflaschen zertrümmert und sich vor den anderen Kindern mit nacktem Oberkörper drauflegt, so wie es im Wanderzirkus zu sehen war, der im Dorf Station gemacht hat. Ganz ohne Tricks macht er das aber nicht.
Die andere Szene mit ähnlicher Intention ist der Einzug der Ministranten und Ministrantinnen, je eine Kerze in der Hand, in die Dorfkirche. Daniel läuft auf das Mädchen vor ihm auf, er behauptet, dass er dabei eine Latte hatte.
Der Film geht im folgenden in flashigen Kurzszenen, die oft wie Skizzen wirken, die die wesentliche Info für den nächsten Entwicklungsschritt beinhalten, chronologisch dem Faden der durch die Szene initiierten Entwicklungen nach.
Wie Daniel von anderen Jungs Dinge erfährt, wie sie Dinge beobachten. Das Kino spielt immer wieder eine Rolle. Wie Röcke – und die werden alleweil so schön sittlich präsentiert – die Blicke unweigerlich auf sich ziehen. Eine Junge wiederum weiß mehr darüber, warum die Leute immer auf demselben Stück Allee spazieren, Anbandelrevier.
Es gibt ein Story außerhalb dieser Essenzthemen. Die Mutter kommt aus Südfrankreich mit ihrem Spanier zu Besuch. Sie nimmt den Jungen mit. Aus der Hoffnung auf eine weiterbildende Schule wird nichts. Kein Geld. Er kann als Mechaniker bei einem Verwandten des Spaniers unterkommen. Dort zeigt er sich gewieft, liest aber lieber.
Die andere Fährte, der der Film folgt, ist das Hineinwachsen in die Männerwelt, in deren Gepflogenheiten, deren Gehabe, deren Art, über Frauen zu sprechen und auch über die Verführungskunst. Daniel ist der kleinste und jüngste.
Auch im Kino gibt es, speziell wenn ein Film Pandora heißt, Dinge zu lernen und zu entdecken, gar auszuprobieren. Hier im Süden Frankreichs ist Daniel mit deutlich weiter entwickelten Jungs, Burschen, Jungmännern zugange. Die treffen sich im ‚4 Fontaines‘.
Der Film endet, wie Daniel mit einem Mädchen im Gras liegt, sie küsst, mehr aber nicht darf und auch froh ist darum, denn am liebsten würde er sie nur anschauen. Zurück im Dorf für den Sommerurlaub traut er sich noch an die Brüste eines Nachbarmädchens zu fassen, aber das Dorfkind ist zu schamhaft. Da ist die Idee der Heirat davor. Eustache beschreibt diesen Prozess des Schritt für Schritt Hineinwachsens in die Erwachsenenwelt illusionslos und mit atemberaubender Präzision.