Spektakuläre Selbstbehauptung des Kinos
Dass Christopher Nolan ein Filmfreak ist, ein vehementer Verteidiger und glühender Verehrer und Macher des Kinos, dürfte bekannt sein. Das zeigt schon seine Wahl des Materials, mit dem er dreht, unter 70 mm geht gar nichts und analog muss es auch sein; für die Projektion am besten Imax.
Die Münchner Pressevorführung fand im wohl aktuell aufregendsten Münchner Kinosaal, in der Astor Filmlounge im Arri, statt. Zur Enttäuschung vieler Nolan-Fans wurde der Film auf der riesigen Leinwand allerdings digital gezeigt. Irgendwer, wohl hier in Deutschland, hat es nicht geschafft, rechtzeitig den Ton für die Celluloid-Kopie, die bereit gelegen hat, bereitzustellen.
Das ändert am Eindruck wenig, dass Nolan die Odyssee als Stoff benutzt um kinomäßig auf den Putz zu hauen, um zu demonstrieren, dass Kino Erlebnisse bieten kann, mit denen weder Fernsehen, noch Streamingdienste und noch weniger Youtube oder dergleichen auch nur ansatzweise mithalten können. Mit bis zu 92 Dezibel Lautsprecherstärke, wie ein Kollege auf seiner App gemessen haben will, dröhnen einem noch lange die Ohren.
Mit Matt Damon als Odysseus hat Nolan einen Star verpflichtet, der zuverlässig einen so aufwändigen Kinofilm tragen kann, der allerdings mit seinem Stupsnäschen und seinem biedertreuen Blick sich eher für die Rolle des Wilhelm Tell anbietet, als für diejenige des immer als listenreich apostrophierten Odysseus. Da denkt man doch eher an den Ex-Schauspieler Selenskyi, der als Chef der Ukraine wahre Heldentaten vollbringt, indem er dem einäugigen Zyklopen Russland die Stirn bietet und mit seinen Drohnenangriffen so empfindlich trifft wie Odysseus das Auge des Zyklopen. Im Vergleich zum Gesamtspektakel verschwindet dieses Besetzungsproblem allerdings, ist ja kein Realfilm.
Wir wissen, dass Odysseus listig war und dass er am Ende direkt rührselig wird, hätten wir eher nicht erwartet. Das hatten wir besser gesehen im letzten Jahr in Rückkehr nach Ithaka. Hier hatten wir allerdings beim Ralph Fiennes zu viel Pathos und ebenfalls zu wenig List bemängelt.
Ansonsten liefert der Film wie ein Bilderbuch Abenteuerstationen des Helden: Trojanisches Pferd und die Eroberung von Troja, den Zyklopen, in dessen Höhle die Krieger mit Odysseus gefangen sind, Zirze (Samantha Morton) , die Hexe, die Kameraden in Schweine verwandelt, die Sirenen, da verstopfen die Krieger sich die Ohren und fesseln Odysseus an einen Segelmasten, die Meeresungheuer Skylla und Charybdis kommen vor, riesige Titanen in Ritterrüstungen bedrohen die Kriegsheimkehrer, die Toten von Troja schälen sich aus einem Strand wie Moorleichen und provozieren in Odysseus menschliche Regungen. Wie nur noch Odysseus übrig ist, pflegt ihn Kalypso (Charlize Theron) sieben Jahre.
Die Heimreise von Odysseus wird gegengeschnitten mit dem Treiben auf seinem Schloss in Ithaka, mit der Hoffnung des blinden Sehers und von Penelope (Anne Hathaway) und seines Sohnes (Telemachos) auf seine Rückkehr. Penelope wird von Freiern bedrängt; sie trennt nächtens ihr Webstück wieder auf, damit sie sich nicht für einen der Freier entscheiden muss.
Ein dickes Fass macht der Film auf mit dem Wettbewerb um den Pfeilschuss durch die Linie zwischen den aufgestellten Äxten. Wie die Möchtegerne nicht mal den Bogen spannen können und auch der Bettler, als der sich Odysseus noch tarnt, tut erst so, als ob er es nicht schaffe, das ist richtig schön theatrales Spannungserzeugen, bis der wahre Held schließlich den Pfeil präzise durchjagt und dann lässt Christopher Nolan ihn in einer entfesselten Kinoorgie gnadenlos aufräumen und wie besinnungslos Selbstjustiz üben.
Fanfare für das Kino