Knittelkino
Kino wie ein Knittelvers, immer ein Tick zu dick, ein Tick daneben, so erzählt leicht und gut nachvollziehbar Tina Ghavri, nach dem Drehbuch von Justine Waddel nach Virginia Woolf die Emanzipationsgeschichte, wie sie als Frau Anfang des 20. Jahrhunderts sich in die Männerdomäne der Universität von Cambridge hineinkämpft.
So wird ein fröhliches Kasperltheater draus, in welches der Deutsche Elyas M’Barek als Ralph Denham nahtlos sich einfügt. Er ist der Lektor der Mutter (Jennifer Saunders) der Protagonistin Katharine Hilbery (Haley Bennett). Mutters Werk wächst seit Jahren, jemand rechnet vor: um 3 Seiten pro Monat und geht seiner Vollendung entgegen.
Kati guckt lieber zu den Sternen und macht ihre Berechnungen. Ein Frust für sie ist, dass einer ihrer Schlüsse bereits eine Amerikanerin publiziert hat. Aber der Erkenntnismöglichkeiten sind noch genügend.
Der Film kämpft verwegen an gegen die Gefahr des Musealen von Kostüm- und Historien-Filmen mit einer Rasanz sondergleichen, mit knapp skizzierten Szenen, mit einer Hektik der Erzählung, den armen Jörg Weißbrich dürfte das Material beim Schnitt an den Rand der Verzweiflung getrieben haben, mit Wackelkamera, mit fettem Sound ohne Rücksicht auf Inhalte.
Die Oldtimer schauen aus wie aus dem Museum und nicht wie aus dem Straßenverkehr. Immer ein Tick too much. Der Gesang des Weihnachtsliedes wird karikiert und übertrieben falsch dargestellt; ein Tick too much. Wie der Vater von Virginia das Schreiben von der Cambridge-Universität öffnet, fuchtelt er extrem übertrieben mit rum. Wie Viriginia nach der Beerdigung ihres Cousins Cyril (Misia Butler) dessen Freund kennenlernt, wird ihr von der Maske eine fette Träne auf die Wange geklatscht, einen Tick zu auffällig. Überhaupt die Maske: die Figuren sind konsequent überschminkt.
Der Kasperltheateransatz wird gleich in den ersten Szenen sichtbar: wie Viriginia aus ihrem Zimmer Sterne beobachtet, fällt ihr das Fernrohr auf das Sims unter ihrem Fenster. Ihre Streckübung, bei der sie fast aus dem Fenster fällt und dann plötzlich aus dem Elternschlafzimmer (nebst Mama die Knallcharge Timothy als Papa) zu sehen ist mit dem Kopf nach unten, das ist reinstes und herrlichstes Kasperltheater.
Dabei geht es nicht um realistische Darstellung von Figuren und historischen Vorbildern, es geht um das Erzählen einer Geschichte, und das ist diejenige, wie Virginia sich in das Männerrevier vorkämpft und sich durchsetzt; und das ist auf jeden Fall eine verrückte und erzählenswerte Geschichte.