Mit leiser Stimme

Oma mit der eisernen Hand,

so wird die Oma (Salma Baccar) von Lilia (Eya Bouteraa) gennant; sie bestimmt die moralischen Maßstäbe in der vielköpfigen Familie, die in Sousse lebt. Ihre Moral orientiert sich an der Fortpflanzung der Familie. Sie hat den Finger drauf, dass die Kinder heiraten und sich vermehren.

Sohn Daly (Karim Remadi) muss wider die Neigung und wider den Willen heiraten. Keine glückliche Angelegenheit. Die Liebe zu seinem Freund Moncef (Lassaad Jamoussi) bleibt unerfüllt. Das ist vorgegriffen.

Der Film fängt mit der Landung von Lilia auf dem Flughafen von Karthago an. Sie ist Ingenieurin und lebt in Paris. Sie fährt im Mietauto eine blonde Frau, Alice (Marion Barbeau) in ein Hotel. Das ist die feine Erzählweise von Leyla Bouzid, immer Dinge offen lassen, denn es geht um wichtige Geheimnisse in ihrem Film. Auch hier wird sich erst später weisen, dass Lilia nicht eine Fahrerin ist, sondern lediglich das Auto gemietet hat und dass ihre Mitfahrerin ihre Lebensgefährtin ist.

Der Film geht behutsam um mit den lebensnötigen Geheimnissen, denn ihre Offenbarung könnte Weltbilder und den Familienfrieden stören. So werden sie sorgfältig wie in Watte und in mehrere Schichten von Alltagserzählungen verpackt und kommen nur nach und nach an den Tag.

Anlass für die Reise nach Hause ist der Tod des Onkels von Lilia. Die Schilderung orientiert sich an den sechs Tagen, die nach dem Tod folgen mit der Beerdigung und weiteren Familienzusammenkünften.

Delikat ist der Besuch für Lilia, die ihre Freundin im Hotel versteckt hält, bis diese unangemeldet und uneingeladen bei der Familie auftaucht. Das Thema der Homosexualität des Verstorbenen wird wie ein rohes Ei behandelt, weil niemand niemanden verletzen möchte. Zudem sind die Umstände seines Todes mysteriös, es gibt eine Leichenobduktion und der Junge, der ihn als letzter lebend gesehen hat, muss ins Gefängnis, denn Homosexualität ist in Tunesien strafbar, wobei die Bemerkung fällt, dass die Liebe zwischen zwei Frauen nicht ernst genommen werde.

Der Film weist, was die Herrschaft in der Familie über das Liebesleben des Nachwuchses betrifft, eine Parallelität zum Film Couscous und Geheimnisse auf, der vor einer Woche in die Kinos gekommen ist; wobei dort der Bezug Algerien ist und der Sprößling in eine Französin verliebt und die Oma eine Algerierin vorgesehen hat; selbst das bietet Konfliktstoff genug. Warum können die Menschen die Liebe der anderen nicht einfach sein lassen und sich freuen, wenn überhaupt Menschen sich lieben?

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