Abbild von einem Stück Gegenwartsdeutschland
In diese Gegenwart ragt die Vergangenheit weit hinein, nicht die Nazizeit ausnahmsweise, die DDR ist es, Greiz, aber in Baudenkmälern auch viel weiter zurück bis zu Stuckdecken aus dem Barock, die glücklichweise nur mit Tuch abgehangen waren und somit unversehrt und wieder frisch zu machen sind.
Diese Gegenwart streckt sich von Greiz bis in westdeutsche Metropolen hinein, in denen Fernsehen gemacht wird, Shows, die publikumswirksam märchenhafte Karrieren in Gang zu setzen vorgeben, indem sie neue Stars suchen und machen.
Das ist der medienkritische Impetus dieses Filmes von Eva Trobisch, der wie ein Insektenauge Realität herstellt, hier aus pinzettenartig herausgezupften und wie dozierend präsentierten Alltagsstückchen aus dieser bundesdeutschen Gegenwart in bürgerlichem Milieu.
Das Märchenelement (aus dem deutschen Wald) ist vertreten in der Figur der 16-jährigen Lea (Frida Hornemann). Die klimpert und singt mit einer Freundin Liedchen. Sie ist die Tochter von Matze (Max Riemelt) und Rieke (Gina Henkel – es ist mal wieder nicht leicht, aus Filmseiten wie filmportal.de oder IMDb die Besetzung zu identifizieren).
Die Großeltern betreiben ein bombastisches (das erzählt eine Drohnenaufnahme) Waldhotel. Leas Mutter ist schwanger, aber nicht von ihrem Mann. Der hat ein Verhältnis mit einer Bedienung vom Waldhotel.
Fragmentarisch pickt der Film Szenen aus dem Leben dieser Familie heraus, es gibt noch Tante Kati (Eva Löbau) von Lea, die sich in Museumsrestauration verausgabt. Ihr Sohn Edgar ist der Zyniker in der Familie, der nicht alles mitmacht, schon gar nicht den Hype um Lea, die tatsächlich zu der Castinshow eingeladen wird.
Anfangs stellt sich Lea schüchtern an, weiß nicht so recht, was antworten auf die Frage, was sie denn ausmache, was an ihr besonders sei. Eine Frage, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht. Der vielleicht stellvertretend die Identitätsfrage an die Menschen im heutigen Deutschland richtet.
Die Clips, die zusammenmontiert wie ein Wandteppich ein Sittenbild unserer Zeit, unserer Gesellschaft abgeben, in Ausschnitten zumindest, simulieren Realität mit oft verdächtig deutschen Drehbuchsätzen, wie, mein Paradebeispiel, „Ist noch Milch im Kühlschrank“, wobei sie nicht realitätssimulierend in der Luft hängen, sondern in konkreten Zusammenhängen gesagt werden.
Das deutet auf eine Nähe zur sogenannten Berliner Schule im deutschen Kino hin, eine Nähe zu Schanelec (Meine Frau weint) ist auch nicht abwegig.
Der Film schaut vorbei bei den Pferden der Familie, in der Schule von Lea, im Waldhotel der Oma, in Schloss und Museum und im krassen Gegensatz dazu in den Studios, in denen die Shows aufgezeichnet werden.
Es gibt kaum offene Konflikte, aber Mutter sieht die Ambitionen von Lea erst nicht gern. Andererseits fordert die Medienstrategie auch eine Einbeziehung der Eltern.
Von der Realität, für die sich der Film interessiert, zeugen Sätze wie „Lea hat mir grade ihr Lied vorgesungen“, „Habt Ihr den Haupteingang nicht gefunden?“, „Das ist was für Dich.“, „Merk Dir bitte die 136“, „Wir gehen jetzt was frühstücken“, „Das ist doch ganz bequem (?), daheim unterm Scheffel, oder?“, „Mein Leben als Niederlage, voll interessant“.
Eine Regie- und Drehbuchtechnik, die sich wohltuend bemerkbar macht: die Darsteller immer wieder in Situtionen inneren Monologes zu zeigen, in Wartemomenten. Aber auch Dinge wie Ohrlochstechen können den Film interessieren, ein automatischer Rasenmäher oder das Motiv der toten Tiere, was eingeführt wird, das ist vielleicht etwas fingerzeigdick. Ein bunter Fleckerlteppich aus unserer Gegenwart genäht.