Reise durch Georgien –
Kino-Preziose
Das georgische Kino scheint mit eines der wundersamst-wunderlichen Kinos zu sein, so wundersam schnörkellos-schnörkelig wie die georgische Schrift. Und speziell dasjenige von Aleksandre Koberidze: Die Zähmung der Bäume, Was wir sehen, wenn wir zum Himmel schauen (auch da gibt es Fußballinput).
Was dieses Kino alles sieht! Wo es einen überallhin mitnimmt!
Unter einem solid verarbeiteten Storyfaden: Ein Vater, Irakli (David Koberidze), Sportlehrer, sucht seine Tochter. Die ist erwachsen, 28, sie arbeitet als Sportfotografin. War schon weg von zu Hause, ist aber wieder zu den Eltern gezogen, wegen zu hoher Mietkosten. Eines Tages ist sie verschwunden. Sie hinterlässt einen Brief, der die Eltern beruhigen soll. Das Gegenteil ist der Fall.
Die Polizei kann nichts machen, da die Tochter erwachsen ist und Bescheid gegeben hat. Bei dem Sportmagazin, bei dem sie beschäftigt ist, hat sie ein Projekt. Das ist noch nicht abgeschlossen. Sie wollte Provinzfußballplätze fotografieren. Der Vater verspricht sich eine Spur von seiner Tochter, wenn er diese Plätze aufsucht.
Ein Kollege seiner Tochter, der nicht im Bild erscheinen möchte, und der in das Projekt involviert ist, kann sich vage an die Orte erinnern und ist bereit, den Vater zu begleiten. Ist das nun dokumentarisch oder fake-dokumentarisch? Interessiert das überhaupt? Denn nebst den storyentwickelnden Gesprächen fällt reichlich Footage über das Leben in Georgien ab. Das wird so unaufdringlich, so beiläufig serviert, ohne Nachdruck, ohne Eitelkeit.
Es ist ein Kino, das hinschaut, sieht, das entdeckt und das es nicht für nötig hält, zu kommentieren. Es hat die Bescheidenheit, hinter die Dinge zurückzutreten, das ist vielleicht etwas, das es so attraktiv, so einmalig macht.
Bei dem Footage, was bei dieser Reise durch das entlegene Georgien entsteht, denkt man momentweise an Bela Tarr, wie der auf die Dinge geschaut hat oder in anderen Momenten wieder an die Malergruppe der Blauen Reiter, wie die die Voralpenlandschaft gesehen haben.
Wenn Irakli nächtens unterwegs ist, kann Bildmaterial anfallen, was an einen David Linch erinnert. Und beim Ende des ersten Teiles könnte ein William Turner der Maler gewesen sein.
Mitten in der schönsten Natur gibt es ein Gespräch mit zwei Jungs, die von ungewöhnlichen, zerstörerischen Wetterphänomen berichten.
An anderer Stelle reißt ein Bagger gnadenlos den Wald auf. Auch eine Prise Folklore findet sich, aber in keiner Weise Applaus heischend. Dann plötzlich die Geschichte vom eindrücklichen Lehrer Adimoz.
Georgisch Filme haben gerne etwas Individuelles ohne die Schlagseite offensichtlicher Ambitioniertheit, des originell sein Wollens. Vielleicht die hervorragendste Qualität: das Sein sein lassen. Also keine gewaltsam hergestellte und zurechtgebogene Kino-Realität.
Die Kamera sieht sich primär als Betrachterin.
Der leere Sitz neben dem Fahrer: Arbeit für die Imagination.
Die Musik von Giorgi Koberidze mit einer mitvibrierenden Vivacité, wie in kommunizierenden Röhren zum Bild.
Verwunderung darüber, warum diesen Fim vermutlich nur sehr wenige Menschen sehen wollen, dabei geht von ihm eine Verzauberung sondergleichen aus, entführt einen verführerisch geheimnisvoll in so eine andere Welt als die unsere, von der man sagen kann, unser Leben wäre ärmer, wenn es das nicht gesehen hätte.
Den Menschen scheint überhaupt nicht klar zu sein, was ihnen entgeht, wenn sie so einen Film nicht schauen. Nie würde ich zu sagen wagen, ihn zu sehen sei ein Must, darin läge ein dem Stoff und der Haltung des Filmes unangemessener Zwang, aber, ihn zu sehen, ist ein seltener Luxus.
Es ist verwunderlich, dass sich die Leute nicht schlagen um Plätze in so einem Film, wie sie sich um Warteplätze für die neue Swatch balgen; dabei ist so ein Fim ein viel größere, exklusivere Rarität – aber sicher kein Modeartikel, kein kapitalistisch propagandiertes Gadget oder angeberisches Marketingprodukt.
Als Beispiel für sich selbst überlassene Kreatur stehen Straßenköter, zu denen der Protagonist ein fürsorgliches Verhältnis pflegt.
Dreistunden-Georgienreise der Extraklasse, dazu in planloser Planmäßigkeit. Die Kamera, die ist so ein Tausendsassa mit ihrem hochbegabt-malerischen Auge (dann wieder mit Tableaus, als ob ein Impressionist sie arrangiert hätte), das es schafft, keinerlei ablenkende Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, so versteht sie es, mit den einzigartigen Bildern zu fesseln; am manipulativsten wirkt noch das einmal ganz offensichtlich ins Bild gerückte titelgebende trockene Blatt, ein Blattfächer, der auf den Boden gelegt wurde, und den die Kamera nach einer langsamen Bewegung wie zufällig im Bild stehen lässt.
Drei Stunden so zu verbringen ist: Lebensqualität.