Meine Frau weint

Der Kranführer und die Buchhändlerin

Thomas (Vladimir Vulevic) ist Kranführer. Carla (Agathe Bonitzer) ist Buchhändlerin. Weil aber nichts los war im Buchladen, kleiner Seitenhieb an eine immer illiteratere Welt, es also öd war, hat sie den Job aufgegeben und arbeitet als Kindergärtnerin. Mit den zwei Berufen ist bereits eine elementare Forderung Godards an cineastisches Erzählen erfüllt.

Wobei in die Ahnenreihe dieses neuen Meisterwerkes von Angela Schanelec sicher nicht nur Godard zu zählen wären, sondern genau so Jean-Marie Straub /Danièle Huillet und in deren Folge Fassbinder.

Es ist ein poetisch-lyrisches Kino, ein Kino des Fragmentarischen, ein Kino, das Alltag präpariert und seziert. Es geht einzig um Liebe und was der Mensch damit oder ohne sie ist.

Es gibt eine Storyline. Carla hatte einen Autounfall und will deshalb unbedingt ihren Mann erreichen. Dadurch wird offenbar, dass sie eine Affäre mit einem David hatte, den sie im Tanzkurs kennengelernt hat. Zu dem Thema gibt es eine lange Diskussion über den Tanzkurs und wie Thomas dazu stand. Dieses Gespräch seziert überaus detailliert, was Liebe zwischen den beiden war und ist.

Illustrierend dazu kommen weitere Figuren ins Spiel: Andrée (Birte Schnoink), Karen (Pauline Rebmann), Esteban (Thorbjörn Björnsson), Sophie (Laure-Lucile Simon) und Laszlo (Ben Carter). Teils in Gesprächen mit den beiden Protagonisten, teils werden flankierend andere Paarbeziehungen unter die Lupe genommen.

Das Lyrisch-Poetische zeigt sich in der Kamera, die ruhig ist, lange auf einem Ausschnitt aus dem Leben der Figuren bleibt, gerne auch distanziert. Es ist eine Kamera und damit eine Filmeinstellung, die eben nicht vorgibt, das ganze Leben zu erfassen, sondern die klar macht, dass sie nur einen winzigen Teil davon, den aber wie unter einer Lupe, vor sich hat. Das Nebenan und das Drumherum muss sich der Zuschauer denken oder er bekommt es auf der Tonspur mit.

Teils erinnern die Paargespräche auch an Theaterstücke von Harald Pinter, in denen trocken das Verhältnis von Menschen zu einander analytisch beschrieben wird.

Die lyrische Intention zeigt sich in der Gestaltung des Abspanns. Wie ein Webteppich werden die Namen zusammenhängend ohne Punkt und Komma wie von Hand aneinandergereiht bis sich ein quirliges aber gebändigtes Muster ergibt, nicht unbedingt leserlich, aber augenfällig; jedenfalls verfliegt der erste Eindruck, es handle sich um ein Gebastele, um außergewöhnlich zu sein, schnell, denn die Intention ist eine inhaltliche Interpretation.

Genauso dürften die zwei letzten Bilder des Filmes, Menschen beim „Essen“ als augenzwinkernder Hinweis auf Brechts Satz vom Fressen, das zuerst komme noch vor der Moral, gelesen werden.

Es ist ein Film, dem ich gerne zugeschaute habe und gerne noch länger, weil der Geist Beschäftigung hat und das Auge nicht leer ausgeht, ja auch der Humor kommt nicht zu kurz, denkt man an die Blaskappelle im Park, deren Auftritt verregnet wird.

An Schauspielern hat Angela Schanelec fast ausschließlich solche nicht deutscher Muttersprache genommen, die mit einem vernehmlichen Akzent hervorragend Deutsch sprechen; auch das ein faszinierend verfremdender Effekt, der die Poesie-Behauptung untermauert. Schanelec eröffnet einen ungewöhnlichen Blick auf deutschen Alltag. Es ist ein synthetisierter Alltag, der die Menschen in seiner Ganzheit zu verstehen oder zu sehen sucht, gerade aus der augenscheinlich verengten Perspektive heraus.

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