Disclosure – Der Tag der Wahrheit

Das Märchen von der Wahrheit

Steven Spielberg ist ein begabter Geschichten- und Märchenerzähler und hat mit diesem Talent gigantische Hollywooderfolge erzielt. Er ist jedoch nicht bekannt als radikal Wahrheitssuchender; der Satz von den 24 mal die Wahrheit pro Sekunde, das sei Kino, der stammt nicht von ihm.

Deshalb verdutzt es einen, wenn in einem Film von Steven Spielberg der Begriff der Wahrheit im Titel vorkommt. Allerdings ist dies nur im Deutschen der Fall; für die Filmschauer im Land der Dichter, Philosophen und Denker.

Der Originaltitel lautet: Disclosure Day, Tag der Enthüllung. Dabei handelt es sich um eine gewaltige, explosive Wahrheit, eine Wahrheit, die seit Jahrzehnten von einer Organisation namens WARDEX streng gehütet wird, ein Staatsgeheimnis sondergleichen; ein monströses Geheimnis, das aber wieder ganz nah am Spielberg dran ist. Der mächtige Wächter über diesem Geheimnis ist Noah Scanlon (Colin Firth).

Aber gibt es einen Whistleblower, Dr. Daniel Kellner (Josh O‘ Connor). Der ist drauf und dran das Datenkonvolut zu veröffentlichen. So weit eine Whistleblower-Geschichte, wie es reale Vorbilder gibt, Assange oder die Panama-Papers. Dem Kinogänger ist das ein vertrautes Thema.

Der Film stammt jedoch von Steven Spielberg, der mit David Koepp auch das Drehbuch geschrieben hat. Auch bei ihm gibt es erst mal – und das ziemlich lange und ausführlich – die üblichen Whistleblower-Thriller-Elemente von Überwachung und Geheimdienst, vom Mitarbeiter, der findet, die Informationen gehören an die Öffentlichkeit und der sich deshalb Kopien runterlädt und sich damit auf und davon macht; er weiß, wie total die Überwachung ist; ihm sind bald die üblichen gangsterhaften Geheimdienste in ihren schwarzen Kampfklamotten und den schwarzen, bulligen Autos auf den Fersen. Alles wie überall im Genre.

Da fällt dem Regisseur nichts Neues ein. Er filmt das sehr ordentlich mit Spitzengewerken und mit Spitzenschauspielern, die auch perfekt agieren. Aber Spielberg ist kein Action- und auch kein Politregisseur, ihn juckt dann doch zu sehr das Märchen, das Märchenhafte, und wenn es nur darum geht, ein Märchen darüber zu erzählen, wie die Wahrheit gerettet wird.

Zu diesem Behufe bringt der Regisseur das Wettergirlie eines Lokalsenders in Kansas City, Margaret (Emily Blunt), ins Spiel. Routiniert wird ihre Beziehung zum gradlinigen Jack (Wyatt Russell) geschildert. Sie muss ins Studio zur Lifesendung. Sie sitzt noch am Frühstückstisch mit ihrem Freund. Plötzlich sagt sie einen Text auf Russisch. Das irritiert nicht nur Jackson, sondern auch das Publikum, und weil es nicht übersetzt wird, dürfte allen Beteiligten klar sein, dass das nicht zu ihr passt, dass das nicht sein kann.

Margaret ist knapp dran mit der Zeit. Sie fährt rasant. Ein Polizist hält sie an. Er will sie ausführlich kontrollieren. Sie ist in Eile. Sie schaut dem Polizisten in die Augen. Erzählt ihm lauter Dinge über ihn, die nur er und allenfalls seine Familie kennen können.

Das bedeutet: Spielberg führt das Psi-Element, das Wunderlement, in den Whistleblowerfilm ein. Und es wird noch bunter. Wärend ihrer Wetter-Ansage kommt Margaret ins Stottern. Spricht unverständliches Zeugs. Ja herrgottnochmal, ist denn Pfingsten angesagt, reden wir jetzt mit Zungen?

Dieser Ausrutscher schlägt bei WARDEX ein wie ein Blitz und auch beim Oberwhistleblower Hugo (Colman Doming), der aus dem Hintergrund Kellners Aktivität betreut, steuert und leitet. Jetzt ist klar, dass Kellner mit Geheimmaterial unterwegs ist und es in Bälde geleakt werden dürfte. Startschuss für das Hit- and Runspiel inclusive Safe-House mit hineingezogener Freundin Jane (Eve Hewson) des Leakers. Dank ihr darf das Kino auf den Klosterfundus Hollywoods zurückgreifen.

Verfeinert wird das Märchenelement mit weiterer Magie, mit einer Art Keil, den Margaret oder Noah fest in die Hand drücken müssen, um auf dem Wege telepatischen Beamens anderen Menschen zu begegnen, um sie zur Informationsbeschaffung zu benutzen.

Der Eindruck ensteht, dass Spielberg, je länger der zweieinhalbstündige Film fortschreitet, desto mehr Verdruss empfand am drögen Stoff von Politik, Staatsgeheimnis und Whistleblowerei und diesem umso trotziger märchenhafte und Fantasyelemente entgegensetzte; sich so vielleicht vormachte, sich treu geblieben zu sein beim Seitensprung in die Niederungen der Politik.

Es hat etwas Anrührend-Linkisches, wenn Leute, die abgehoben in der Hollywood-Luxus-Blase leben, sich einzumischen versuchen, politische Wachheit beweisen, auf Wunden in der realen Politik hinweisen oder wie hier ein Statement fürs Whistleblowing abgeben wollen; weil es so bemüht ist und nach schlechtem Gewissen aussieht – und gleichzeitig müssen sie diesen Poltergeist im Weißen Haus schlucken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert