Azza

Im Land des sprudelnden Reichtums

Für einen Dokumentaristen, wenn er denn Menschen in den Mittelpunkt seines Interesses stellt, sind Finden, Wahl und die Zusage der Protagonisten/Protagonistinnen entscheidende Voraussetzungen für das Gelingen.

Menschen, die etwas zu erzählen haben, die keine Scheu vor der Kamera haben, die womöglich auch noch was hergeben für die Kamera und hinter der Kamera jemand, der/die das Vertrauen der Menschen vor der Kamera hat, das ist schon ein mächtiges Kapital für einen Dokumentarfilm.

So verhält es sich mit Stefanie Brocckhaus und ihrer Protagonistin Azza. Diese kämpft in Dschidda einen nur allzu vertrauten Überlebenskampf. Sie muss schauen, dass sie als Fahrlehrerin, in Saudi Arabien ein noch sehr junger Beruf, überleben und ihre Miete bezahlen kann. Sie muss mit dem gesellschaftlichen Makel zurecht kommen, geschieden zu sein.

Der Film von Stefanie Brockhaus passt hervorragend in das Genre einer Art Underground-Filme, die überwiegend in PKWs aufgenommen werden. Das Musterbeispiel dafür ist nach wie vor Taxi Teheran.
Das sind Filme aus Gesellschaften, in denen freies Filmen nicht erlaubt ist.

Einen Hinweis darauf gibt auch dieser Film mit einer Szene, in der eine Person außerhalb offenbar misstrauisch fragt, was sie denn da machen. Azza entschärft die Situation mit Charme, sie würden ganz privat was aufnehmen.

Viel Zeit verbringt der Film mit der Dokumentaristin bei Autofahrten durch Dschidda, durch die Wüste. Das Team campiert mitten in der Wüste, die Protagonistin hat vorgesorgt mit einem Grill und Essen.

Der Film gibt Einblick in saudische Verähltnisse, wie kein Tourist ihn erhaschen kann. In die an sich bekannte patriarchalische Struktur, die erst langsam aufgeweicht wird.

Azza ist ein Beispiel dafür. Sie ist – relativ – emanzipiert. Sie bringt anderen Frauen das Autofahren bei. Sie hat sich von sich aus scheiden lassen. Sie leidet aber auch drunter, dass bei vielen Jobs, die sie sich zutraut, ein Unibaschluss eine Voraussetzung ist, den sie nicht mitbringt, weil ihr der von der Familie und von ihrem Mann nicht erlaubt worden ist.

Azza kämpft um ihre Kinder, die selbstverständlich dem Mann zugeschrieben werden, ein Brutalo, wie jetzt die Kinder und früher sie selbst erfahren musste.

Der Einblick in die Struktur der saudischen Gesellschaft mit ihren Wurzeln im Beduinentum wird geweitet durch Fahrten in die Wüste, zu Dörfern, wo Azza herkommt. Ihr Vater wohnt in einem festen Hof, für unseren ästhetischen Geschmack eher eine Industrieanlage. Aufgewachsen ist sie bei den Großeltern im Gebirge bei Kamelhaltern. Heute sind die Tiere für sie ein Luxus und eine Verwandte meint, ihrem Mann seien die Kamele wohl näher als sie.

Auf der Tonspur ist ein Sound, der an Geheimnisse und Mysterien von Orient und Wüste denken lässt. Da Dschidda am Meer liegt, erlaubt der Film dem Auge Entspannung mit Ausflügen ans Wasser. Die Protagonistin hat sich damit abgefunden, dass in ihrer Gesellschaft immer noch gilt, wer als Frau Männer nicht fürchte, gelte als verrückt. So gilt sie lieber als verrückt; und beweist im Film das exakte Gegenteil.

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