Menschwerdung
Erst ist der Mensch Gott, er kennt ja nichts anderes. Dann taucht er auf in der Partikularität seiner Familie. Der Mensch Amélie bei Papa, Mama und zwei bereits vorhandenen Geschwistern, ein freches Brüderchen und ein weniger freches Schwesterchen.
Die Eltern stammen aus Belgien und leben in Japan. Die Familie braucht ein Kindermädchen und die Vermieterin Kashima-san, eine hart und streng gezeichnete Frau, empfiehlt Michi-san.
Nach Philosophemen über das Sein schlechthin und über die Macht der Ruhe in Form der Nichtreaktion auf die Umgebung erzählt der Film von Liane-Cho Han Jin Kuang, Aude Py und Mailys Vallade nach dem autobiographisch gefärbten Roman „Metaphysik der Röhren“ von Amélie Nothomb, dass Amélie die ersten zwei Jahre ihres Lebens kein Wort gesagt habe; was mit der Macht der Ruhe gemeint ist.
Mit dem zweiten Geburtstag stellt sich heraus, dass Amélie sich Vokabular- und Sprachkompetenz angeeignet hat.
Die Zeichnungen sind weich im Stil japanischer Animes mit einem winzigen Schuss Gaugin angereichert und mit trefflicher Charakterisierung der Figuren mit wenigen Strichen; entsprechend fein wie belgische Schockolade ist der Sound über den Bildern und die deutsche Synchro lässt nicht mäkeln, sie behält sogar japanische Begriffe aus dem Original bei.
Der Film zeigt die glücklichen Moment von Amélie, wenn sie spielen kann, wenn sie mit Michi-san zusammen ist, mit den Eltern, auch die Geschwister akzeptiert sie, die Oma ist da. Papa muss für eine Zeit nach Belgien.
Es gibt Brüche, den Tod der Oma und damit die Fragen nach dem Leben und dem Sterben; zeremoniell begleitet von den Lampions, die dem Fluss übergeben werden. Dunkle Kapitel aus der jüngeren Geschichte spielen hinein, die es für Kashima-san unerträglich machen, dass Michi-san eine Beziehung zu Amélie aufbaut und den Job los wird. Es geht um einen Krieg von vor 30 Jahren.
Brüche zeichnen sich ab: die Rückkehr nach Belgien. Dabei sieht sich Amélie doch als Japanerin. Mit dieser Aussicht kommt sie nicht zurecht. Ihre engsten Beziehungsmenschen fangen sie auf. Das erste Wort von Amélie war Staubsauger und sie wundert sich, wie bei dem Gerät etwas durch nichts ersetzt wird.