Berge von Zuckerwatte
türmt Jean-Pierre Améris, der mit Marion Michau auch das Drehbuch geschrieben hat, auf, um sein ernstes Thema des begleiteten Suizides in der Schweiz schmackhaft zu machen, resp. ok, das ist ja nun schon wegen dem Titel kein Spoiler, den Protagonisten davon abzuhalten.
Auch mit der pikanten Tonspur gibt der Filmermacher zu verstehen, dass es ihm um eine ganz ungewöhnliche Mission geht. Das erweckt den Eindruck, dass der Film ein Sterbehilfeabraterfilm sein soll, weil das Leben so viel zu bieten habe.
Mit dem Ticket aus der deutschen Variante des Titels ist die Fahrkarte im TGV von Paris nach Genf gemeint. Ohne Rückfahrt. Die eine Person, das ist der berühmte Sänger Antoine Toussaint (Gérard Darmon). Er hat ein Jahr zuvor bei einem Auftritt mit seinem berühmten „Mambo“-Lied einen Schlaganfall erlitten und ist seither nicht mehr aufgetreten. Den Vorfall schildert der Film mit einer wild sich drehenden Kamera, dass auch der letzte merkt, dass dem Künstler schwindlig geworden ist. Er möchte den Zuschauer in die Emotion involvieren.
Der Sänger reist allein, ohne Gepäck. Sein Manager Claude (Patrick Timsit) hatte zwei Fahrkarten besorgt, lässt aber seinen Klienten auf dessen Wunsch allein gehen. Der Platz ihm gegenüber ist frei. Der wird in letzter Sekunde von Victoire (Valérie Lemercier), ganz außer Atem, besetzt. Sie ist so schwatzhaft wie übergriffig, erst recht, wie sie entdeckt, wer der Mann ihr gegenüber ist.
Victoire erzählt ganz offen, dass sie auf Knasturlaub ist, weil ihre Tochter in Genf heiratet. Er kann sich ihrer kaum erwehren und schenkt ihr zum Abschied nicht nur die erbetene Autogrammkarte, sondern auch die teure Ledermappe mit den Karten darin, sein einziges Gepäckstück.
Spätestens da dürfte dem letzten im Saal klar geworden sein, wie endgültig seine Reise sein soll, aber auch, dass das Leben in der Person von Victoire diese Endgültigkeit wieder in Frage stellen wird.
Diesen Prozess zu illustrieren und erzählen, lässt der Film den Protagonisten seinen Pass, den dieser beim Sterbehilfeinstitut bräuchte, in der schwarzen Mappe vergessen, bringt die Hochzeit von Tochter Constance (Alice Lencquesaing) am Ufer des Genfer Sees, lässt Constance in einem billigen Motel vor den Toren Genfs absteigen und was einem sonst noch so einfallen kann, um Antoine von seinem Vorhaben abzubringen.
Da sein Manager von den Eskapaden seines Klienten nichts mitbekommt, glaubt er, der habe sein Vorhaben erfolgreich beendet und gibt die Mitteilung an die Medien heraus. Mit Staatstrauer ist das, was sie auslöst, nicht gebührend gewürdigt; der Film suhlt sich auf seiner Endstrecke ausgiebig in der Schilderung der Lust an der Nachricht vom eigenen Tod und der Reaktion der Umwelt darauf.
Eine andere Kalibrierung in punkto Ernst und Humor zum selben Thema hatte der wunderbare, ebenfalls französische Film Bon Voyage, Marie, der Anfang dieses Jahres bei uns in die Kinos gekommen ist.