Make-up-Derblecken
Einiges ist wirklich wahnsinnig schön, richtig schön im Sinne von Schönheit und Schönheitsideal: das Make-up und die Frisuren der Protagonistinnen, jede Hautcreme-Werbung müsste neidisch werden und auch der Faltenwurf des roten Voile-Stoffes, der ist malerisch, weltmeisterlich, erinnert an den Faltenwurf der Stoffe aus dem Isenheimer Altar in Colmar und anderen Gemälden mit religiösen Motiven von Mathias Grünewald.
Ganz neben der Religion ist der Film von David Lowery nicht. Die Hauptfigur (Anna Hathaway) hat als Künstlernamen „Mutter Maria“. Sie tritt auf mit Strahlenkranz der Heiligenfiguren. Sie ist ein Popsängerin. Berühmt. Erfolgreich.
Das weidet der Film reichlich aus. Aber er will nicht dem Erfolg huldigen, er will lieber daran kratzen, hinter die Maske, hinter die Schminke schauen, er will möglicherweise das Menschliche hinter der Erfolgsmaske suchen.
Dazu lässt er Mother Mary privat und gestresst ihre frühere Kostümbildnerin Sam (Michaela Coel) in ihrer altbritischen Residenz aufsuchen. Sie ist inzwischen eine erfolgreiche Modedesignerin, eigenwillig eingerichtet, eines ihrer Ateliers befindet sich rustikal in einer ehemaligen Scheune. Sie will Mother Mary auch gar nicht zu sich vorlassen. Diese aber lässt sich nicht abweisen. Sie brauche dringend eine neues Kostüm.
David Lowery hat sie vorher bei der Probe für eine neue Show gezeigt. Nach einigem Zögern zeigt sich Sam bereit, das Kostüm, das in zwei Tagen fertig sein soll, zu entwerfen und herzustellen. Die Mitarbeiterin Hilda (Hunter Schafer) wird schnell weggeschickt.
Der Hauptteil des Filmes bilden endlose Dialoge, ein Konversationsstück von zwei Personen, zwischen Sam und Mother Mary. Sie dröseln ihre frühere Beziehung auf, die gegenseitige Anziehung; wie die eine der andere Muse war, künstlerisch, darum geht es. Es muss zum Bruch gekommen sein.
Als Aktion gibt es einige schneidertypische Handgriffe, Vermessungen der Empfängerin der neuen Robe. Die Diskussion wird leise geführt, fast maniriert, die Art der Artikulation wirkt künstlich gesetzt. Je weiter der Dialog fortschreitet, desto tiefer greift er und offenbart, der Film hat die Möglichkeit die Bilder dazu zu zeigen, Differenzen, Ängste, Horror.
Das Bild der Frau Welt kommt einem in den Sinn, dieses im Mittelalter gern verwendete Symbol für die Vergänglichkeit von Schönheit: auf der Präsentierseite ist Frau Welt makellos schön, wie die Frauen in diesem Film, auf der Rückseite ist sie von Würmern zerfressen.
So ist der Film mehr eine Zustandsbeschreibung, denn eine Geschichte, mehr Plakat als Essay. Ähnlich verhält es sich schon mit dem Film von David Lowery über das Rittertum (The Green Knight). Auch da war die Zeichnung makellos, aber es war unübersehbar, dass Lowery sich lustig machte darüber, es derbleckte. Das tut er hier auch wieder und zwar very stylish bis blasé. Die Szene mit dem Weisheitszahn kann vielleicht selbstironisch als Kommentar zu den oft papierenen Dialogen gelesen werden: der Zahn der Weisheit ist ihnen gezogen.