Innere Emigranten

Einerseits busy, andererseits dizzy,

das ist das von der „Spezialoperation“, also dem Massenmord in der Ukraine, geprägte Stimmungsbild aus Moskau, was dieser Film von Lena Karbe, die mit Gregor Koppenburg auch das Drehbuch geschrieben hat, zeichnet.

Ein geschäftiges Moskau, Massen in der Stadt, in der U-Bahn, Verkehr, überall Kriegspropaganda auf Plakaten oder in laufenden Leuchttexten der staatlichen Nachrichten- und Propagandaagentur TASS. Volle Restaurants, Blicke in Wohnungen, es gibt Kuchen, Früchte, Kafffee; es sieht nicht nach Mangel aus.

Andererseits eröffnet der Film diesen Blick, der einen schwindelig werden lassen kann, ganz benommen. Es sind Gespräche zwischen der Filmemacherin, die auch mal ne Frage aus dem Off stellt oder ein Getränk ins Off gereicht bekommt, und ihren Protagonisten.

Die Protagonisten, das sind ehrenamtliche Psychologen, die eine kostenlose Hotline betreiben. Sie beraten Menschen in Lebenskrisen, die offenbar niemanden zum Reden haben. Diese Krisen können verschiedene Ursachen haben. Eine Anruferin hat eben ihren Mann in der Ukraine verloren. Es sind nicht primär die Einzelfälle, die interessieren oder in den Vordergrund gerückt werden.

Es geht um den Umgang mit Verzweiflung in einem autoritären Staat. Es geht darum, psychologische Hilfe zu leisten, nicht politische Aufklärung. Diese Aktivitäten scheinen eine gewisse Gratwanderung zu sein; denn die Grenze zwischen Hilfe und Aufklärung ist fließend; wenn es aber um Aufklärung geht, dann kann es schnell zum Konflikt mit dem Staat kommen.

Es wird unterschieden zwischen Staat und Heimat, was eine ziemliche Relevanz hat. Es bringt ja nichts, gegen den Staat zu agitieren, wenn man dafür eine saftige Geldbusse, gar Gefängnis riskiert.

Ein Film, der sich in einem Graubereich bewegt. Mehrfach beobachten Polizisten kritisch die Kamera. Lena Karbe hat ihr Material ruhig und sorgfältig gefischt und so, dass die Montage unkompliziert wird. Sie ist dabei, wie sich ihre Ehrenamtlichen entspannen von ihrer belastenden Arbeit. Sie spielen Klavier, Tennis oder gehen hinaus in die Natur, beobachten Vögel oder tanzen Tango.

Der Film ist auch dabei bei einem offenbar improvisierten Treffen ehrenamtlicher Psychologen und einmal bei einer Aktion, bei der Briefe an politische Gefangene geschrieben werden, auch das eine delikate Angelegenheit.

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