Nürnberg

Görings Shrink

In diesem Film von James Vanderbilt nach dem Buch von Jack El-Hai „The Nazi and the Psychiatrist“ geht es um die Nürnberger Prozesse, die bis dahin einmalig in der Geschichte waren und wie sie im Film A Man can Make a Difference über eine der treibender Kärfte, Anwalt Benjamin Ferencz, hartnäckig betrieben worden sind (auch in War and Justice zu sehen).

Hier im Film kommt Ferencz nicht vor. Das vermisst man schon, wenn man den Film über ihn gesehen hat. Dafür spielt der andere amerikanische Ankläger eine Rolle: Robert H. Jackson (Michael Shannon). Der ist das ziemliche Gegenteil von Ferencz. Er ist ein eher verunsicherter Typ, nicht besonders motiviert und Göring an Intellekt und Wortgewandtheit unterlegen. Er wird die Befragung von Hermann Göring (Russel Crowe) vornehmen. Das ist vorgegriffen.

Der Film fängt im ersten Moment in altbekannter Holocaustverabeitungsfilmmanier an. Der Krieg ist eben zu Ende gegangen. Ein langer Flüchtlingstreck, beschützt von den Amis, ist auf dem Land unterwegs. Eine Limousine mit Nazistandarte nähert sich aus der Gegenrichtung.

Jetzt weicht der Film von Erwartungshaltungen ab: die Amis bringen die Limousine mit vorgehaltenen Gewehren zum Stehen. Ihr entsteigt Hermann Göring, Reichsmarschall, wie er sich selbst noch nennt. Er ergibt sich. Im Auto sind seine Frau Emmy (Lotte Verbeek) und seine Tochter.

Der Film wendet sich jetzt Washington zu. Hier wird die Errichtung eines Strafgerichtes diskutiert. Das wird im Vergleich zum Ferencz-Film eher anskizziert, fragmentarisch gezeigt. Jackson wird als Ankläger delegiert.

Auf dem Weg nach Nürnberg befindet sich auch der Psychiater Douglas M. Kelley (Rami Malek). Er soll Göring untersuchen und etwaige Auffälligkeiten in dessen Psyche feststellen. Sein Dolmetscher wird Howe Triest (Leo Woodall) sein.

Es werden die anderen Hauptverantwortlichen, denen vordringlich der Prozess gemacht werden soll, kurz vorgestellt.

Der Film konzentriert sich auf das Verhältnis zwischen dem Psychiater und dem Gefangenen. Ein spannendes Spiel entwickelt sich zwischen den beiden. Der Psychiater entdeckt Schwachstellen bei seinem Patienten. Er merkt auch schnell, dass dieser sehr wohl Englisch verstehen und sprechen kann.

Kelley führt exakt Buch über die Besprechungen mit Göring. Er sieht, wie raffiniert und von sich selbst überzeugt dieser ist und dass die Anklage es in einem Prozess schwer haben wird, besonders Jackson scheint Göring nicht gewachsen.

Die Verhandlung wird spannend werden, umso mehr, als Kelley wegen einem Vertrauensbruch seines Postens enthoben wird. Schafft Jackson es, Göring in die Defensive zu treiben? Die große Frage hinter seiner Aktivität ist faktisch diejenige, nach der Banalität des Bösen oder ob die Naziverbrecher eben nicht banal gewesen seien.

Den Prozess selbst benutzt der Film um schaudern machendes Archivmaterial von der Befreiung der KZs, von zu Skeletten abgemagerten Gefangenen und Leichenbergen einzusetzen. Ein akzeptabler Holocaustaufarbeitungsfilm, vielleicht nicht ganz so stark im Ansatz wie The Zone of Interest oder Die Ermittlung. Dem Film scheint die Konstruktion eine Filmdramas à la Hollywood wichtiger als historische Genauigkeit.

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