Wir sind keine 70-Kilogramm-Mäuse –
Wissenschaftskino
In Deutschland werden nach vie vor extrem viele Tierversuche gemacht zum Testen von Chemikalien, Medikamenten, Kosmetika oder zur Grundlagenforschung. Wie kommt das?
Chemikalien, Medikamente, Kosmetika brauchen eine behördliche Zulassung. Diese ist an Vorschriften gekoppelt. Diese Vorschriften basieren überwiegend auf den etablierten Verfahren von Tierversuchen. Entsprechend haben die Genehmigungen (amtliche Abwägung der erwartbaren Schmerzen im Hinblick auf den erhofften Erkenntnisgewinn) zu erfolgen und entsprechend schwierig ist es, Zulassungen zu erlangen, die über alternative Verfahren geprüft wurden.
Es geht im Film von Marc Pierschel also nicht darum, mit grauenhaften Bildern gegen Tierversuche zu agitieren; darauf wird extra hingewiesen, dass man hier auf Extreme verzichtet; es wird auch die Frage erörtert, ob Demonstrationen gegen Tierversuche überhaupt die erwünschten Resultate zeitigen oder ob sie nicht viel mehr vom eigentlichen Thema ablenken würden.
Einen Hinweis auf die Antwort dazu gibt der Film mit der Nennung des Buches von Thomas Kuhn „Die Struktur wissenschaftlicher Revolution“. Dass das Problem der Umwandlung der Wissenschaft ein viel größeres sei im Hinblick auf die Abschaffung oder mindestens maximale Reduzierung von Tierversuchen. Denn an der wissenschaftlichen Erkenntnis kann es nicht liegen. Inzwischen hat sie sich dank Computer, KI, dank Stammzellenforschung und -anwendung nicht nur extrem beschleunigt, sondern die Resultate sind auch bei weitem valider als jene der Tierversuche. Denn man kann mit menschlichen Zellen arbeiten und testen, wie sie auf bestimmte Stoffe reagieren.
Das Forschen ist nicht leicht, eine Protagonistin beklagt, dass sie unter enormem Stress stehe, dass man sich von Förderperiode zu Förderperiode hangle.
Der Film eröffnet für den Laien eine Wunderwelt, eine Zauberwelt der moderenen Forschung. Wie mit dem 3-D-Drucker Humansysteme, menschliche Organe nachgebaut werden; was am Computer alles möglich ist, welch faszinierenden Bilder sich in der Welt der Zellen auftun; wie Prozesse in Vitro abgebildet werden. Das geht schneller und ist effizienter und billiger als die oft langwierigen und teuren Tierversuche. Und der Test ist an Humanzellen und nicht an Tieren passiert.
Doch dann stellt sich das Problem mit der Zulassung. Wissenschaftliche Revolution passiert nicht von heute auf morgen. Sie geschieht in kleinen Schritten. Der Kapitalismus wiederum dürfte schnell reagieren, wenn er mit alternativen Varianten Geld spart und schneller an taugliche Medikamente gelangen kann.
Es herrscht ein Mantel des Schweigens über das Ausmaß der Tierversuche in Deutschland. Niemand will damit in Verbindung gebracht werden; es ist offenbar ein Fortschritt, dass sie wenigstens schlecht beleumdet sind.
Viele der Protagonisten dieses Filmes arbeiten Schritt für Schritt am Bodengewinn der alternativen Forschungsmethoden; denn die Tierversuche leiden unter einem großen Korrektheitsproblem, gerade auch hinsichtlich der Übertragbarkeit der Resultate auf den Menschen. Eine weitere Hürde auf dem Siegeszug der alternativen Methoden ist die Validisierung, zuerst in der EU, dann die weltweite Harmonisierung; weil, wenn Tierversuche hier nicht mehr gehen, dann macht man sie halt in Ostasien.