Es geht um Menschlichkeit
Aber auch um menschliche Schwächen und Fehler und um einen menschlichen Umgang damit. Es gibt zwar diese Themen, die Filme gerne wie eine Monstranz vor sich hertragen, wie illegale Migration, Aids oder auch Polyamorie.
Hier kommen diese Dinge auch vor, aber eben nicht als hervorhebenswert und ideologisch belastet. Sie sind da, sie kommen vor, sie machen einen Teil des Lebens aus oder auch der Suche nach einem glücklichen, gelingenden Leben.
In Extrakapiteln hebt Said Hamich in seinem Film seine drei Protagonisten und deren Beziehung zueinander hervor.
Nour (Ayoub Gretaa) ist ein Illegaler aus Algerien und lebt in Marseille mit einer Clique von weiteren Immigranten zusammen, dicht gedrängt schlafen sie auf Matratzen am Boden. Wir lernen sie kennen, wie sie einen Warentransporter ausrauben. Hier kommt der leise Ton in den Film, sie flüstern und viel lauter wird es auch nicht und Said Hamich findet zu Recht, dass er über seinen sorgfältig aufgebauten Spannungsbogen im Spiel der Figuren meist auf eine Extramusik auf der Tonspur verzichten kann. Die Menschen gehen ernsthaft miteinander um.
Die Clique verschachert die Uhren auf dem Markt. Bei einer Polizeirazzia bleiben sie hängen. Nour wird von Serge Spiaggeri (Grégoire Colin) verhört und im Gegensatz zu den anderen verschont. Der Cop verbrennt den Pass von Nour; er streichelt ihm während der Befragung liebevoll über das Gesicht. Nun ohne Pass, landet Nour landet in der Welt derjenigen ohne Papiere und auf der Straße.
Eines Tages findet er sich liebevoll umsorgt in der Wohnung von Serge, dessen Frau Noémie (Anna Mouglalis) und deren Sohn Hugo wieder. Der Film wendet seinen Fokus jetzt dieser nicht ganz konventionellen Konstellation zu.
Serge bringt Nour vorerst in einem Hotel unter, in dem lauter Transen wohnen. Das behagt Nour nicht unbedingt. In den nächsten Kapiteln tastet sich der Film behutsam an die Leben von Serge und Noémie heran und an die Funktion, die Nour dabei einnimmt.
Der Film fängt 1990 an, macht dann Sprünge über ein und mehrere Jahre. Er verliert dabei nicht aus dem Blick, dass Nour die Legalität sucht und dass er auch legal arbeiten möchte. Von seinen Liebeswünschen und -sehnsüchten ist nicht viel zu erfahren, er fungiert außerhalb der Beziehungsgeflechte. Ab und an telefoniert er mit seiner Mutter in Algerien. Und auch die Leute seiner Clique tauchen wieder auf.