Pferd am Stiel

Neuperlach, wie es lebt, tanzt und reitet

Ein Münchenfilm ganz ohne Frauenkirche, Olympiaturm, Viktualienmarkt oder Hofbräuhaus.

Ein München aus Vorstadtmilieu, wie es in Paris der Banlieu entsprechen würde. Ein München mit migrantischem Hintergrund und einer Jugend, die energievoll was will, aber vielleicht nicht genau weiß was, eine Jugend, die voll aktiv ist in den sozialen Netzwerken (ein gerade heute gesellschaftlich akut diskutiertes Thema, Handyverbot bis wann?; die Kids hier sind gerade mal 13).

Der Mainstream der weiblichen Kids tanzt fürs soziale Netzwerk. Sarah (Manon Debaille) und Dilek (Chiara Kitsopoulou) sind die Außenseiter. Sie vergnügen sich mit dem sprichwörtlichen Steckenpferd, einem Stiel aus Holz mit einem Pferdekopf aus Holz oder Pappe darauf, den in die Hände genommen und rumgeritten.

Die frechen jungen Männer entdecken die Mädels bei ihrem Hobby, filmen sie und verbreiten die Clips. Die Mädels werden ausgelacht. Die Freundschaft zwischen den beiden geht in die Brüche, weil Sarah eigensinnig am Hobby festhält.

Sarah lernt Beatrice (Aurelia Ott) kennen. Die – das markiert ein soziales Gefälle – wohnt mit ihren Eltern in einer herrschaftlichen Villa und lernt reiten mit ihrem eigenen Reitpferd. Die Gegensätze ziehen sich an, Beatrice bietet sich an, Sarah zu coachen, ihr die Schritte für Dressur und Kür beizubringen, denn Sarah will an einer Hobby-Horsing-Meisterschaft in Finnland teilnehmen.

Der Film findet plausible Mittel, die beiden unmündigen Mädels einen Finnlandflug organisieren und sie dort den Weg zum Ort der Meisterschaft und einem Nachtquartier finden zu lassen. Den sozialen Medien sei dank, dringt das Ausreißertum bis zu den besorgten Müttern (bei Beatrice gibt es auch einen Vater). Kurz entschlossen fliegen diese nach Finnland, finden sich aber nach einer Busirrfahrt allein auf weiter Flur, campieren am Straßenrand, versuchen zu trampen.

Der Film schafft eine erstaunliche Authentizität, gerade auch mit künstlichen Mitteln, zum Beispiel mit Einfärben von Landschaften. Er hat seinen Spaß dabei, wenn schon Finnland, dann auch noch einen Heavy-Metal-Typen aufzufahren.

Es ist eine Teenie-Abenteurgeschichte mit Liebe und Gefühl, einem Supercast (auch den Profis; für Claudia Schlenger hat der Film sich einen Rosinenauftritt im Döner-Laden ausgedacht), einer trefflichen Schilderung des Satellitenstadtlebens mit Auslauf auf die Heidelandschaft und einer Hauptfigur, die mit ihren farbigen Strähnen im Haar große Eigenständigkeit und Eigenwillen mitbringt und Frechheit in ihren Handlungen.

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