In der Einflusszone
Influencer sind ein Phänomen der Brave New Social Media World. Sie tauchen aus dem Nichts auf, teilen ihr Privatleben mit einer möglichst großen Schar von Followern und machen ein Geschäft damit, dass sie dabei für Produkte werben.
Es gibt den Dokumentarfilm Pornfluencer von Joscha Bongard über ein Paar, das sein Intimleben mit seiner Gefolgschaft teilt und sich davon ein schönes Leben auf Zypern leisten kann.
Jetzt hat sich Joscha Bongard, der mit Nicole Rüther auch das Drehbuch geschrieben hat, des Themas von der theoretischen, der modellhaften Seite her angenommen. Er will das durchleuchten mit einer erfundenen Paradefamilie, die sich durch das Influencertum einen beachtlichen Betonbungalow leisten kann. Aber, es muss ständig Content geschaffen werden. Die Protagonisten sind Stella (Bea Brocks) und Chris (Liliom Lewald). Sie haben ihren Kanal aufgebaut und zum Erfolg geführt. Ihre Tochter Luca (Maja Bons) haben sie schon seit der Schwangerschaft vermarktet. Luca wächst vor der Kamera auf.
Bongard zeichnet das als eine triste, öde Angelegenheit. Seinen Kameramann Jakob Sinsel scheint er zu Überwachungs- und Horrorperspektiven angehalten zu haben. Es ist ein steriles Haus, es muss in jeder Sekunde präsentabel sein; es wirkt unwohnlich, desinfiziert.
Der Filmemacher hält die Schauspieler zu eher stilisiertem Spiel an, lässt sie sehr leise reden und am Rande der Verständlichkeit sprechen. Nichts darf den Erfolg des Kanals gefährden.
Vor den Titeln fängt der Film mit einer wohl typischen Influencer-Situation an. Die drei Protagonisten stehen vor ihrem Bungalow, weitere Personen wuseln herum (das dürften PR-Berater oder PR-Manager oder sowas sein, wird man im Nachhinein sich erklären). Ein schwarzer Sprinter kommt angefahren. Aus diesem wird mit Hilfe – und von hinten fotografiert – Menschen aus dem Auto geholfen. Es sind Kinder mit einer Blackout-Brille vor den Augen, damit sie nichts sehen können. Wie die beiden Gruppierungen sich gegenüber stehen, wird den Kindern die Brille abgenommen und sie sehen sich ihren Idolen gegenüber. Überraschung. Sowohl Begrüßung als auch die folgende Begegnung mit den Fans wirken steif als inszenierte Familiarität.
Der Film besteht aus losen Szenen aus dem Leben dieser Familie. Es gibt Rückblenden an frühere Posts, die das Aufwachsen von Luca als Social-Media-Star ventilieren. Und ab und an gerät Püppchen Luca in die Krise, aber sie ist recht gut dressiert von ihren ehrgeizigen Eltern. Dezenter Hinweis dazu: die Lektüre von Medea durch die Mutter.
Das Ehepaar Sommer lässt sich im Hinblick auf Reichweite ihres Kanals eine weitere Schwangerschaft einfallen. Der Film begleitet diese bis zur Hausgeburt. Da gibt es einen augenfälligen Bezugspunkt zu einem weiteren Film, einem Dokumentarfilm, der ebenfalls heute ins Kino kommt: Wise Women. Fünf Hebammen. Fünf Kulturen. Hier sind echte Geburten zu sehen.