Vom flatterhaften Wesen der Liebe
Diese Review-Übertitelung muss eingegrenzt werden: von der Flatterhaftigkeit der Liebe von Männern, genauer: einer bestimmten Art von Männern oder ganz präzise im Hinblick auf diesen Film von Oliver Hermanus nach dem Drehbuch von Ben Shattuck (nach einer eigenen Kurzgeschichte): die Flatterhaftigkeit der Liebe musisch-musikalisch begabter junger Männer an der Ostküste der USA.
Lionel (Paul Mescal) und David (Josh O’Connor) lernen sich am Konservatorium in Boston 1917 kennen. Sie verbindet die Liebe zur Musik, sie sind beide begabt, versteht sich, sonst wären sie kaum am Konservatorium gelandet.
Es gibt eine Vorgeschichte um 1910. Lionel (hier gespielt von Leo Cocovinis), lebt in einfachen Verhältnissen auf dem Land in Kentucky. Von Musik und Tönen ist er angetriggert und von den Liedern, die in seiner Umgebung gesungen werden. Die Töne haben für ihn Farben.
Als Student hört er in einer Kneipe David, der am Klavier sitzt, ein Lied singen. Das zieht ihn an. Der Kontakt kommt zustande. Lieder sind sofort das Thema der beiden. Man trinkt. David fordert Lionel auf, mit ihm mitzukommen. Sie lieben sich, ohne sich weiter Gedanken zu machen.
Der Weltkrieg trennt die beiden. David muss in die Armee einrücken. Man trifft sich wieder. David hat ein Forschungsprojekt über Lieder an Land gezogen und möchte Lionel als seinen Mitarbeiter.
Der Film biegt hier in eine auch bildmäßig wildromantische Phase ein. Das Musik-Projekt von 1918. Die beiden jungen Männer, die sich in großer musischer Zuneigung, Harmonie und körperlicher Liebe verbunden sind, marschieren mit wenig Gepäck durch die Wälder von Neu England, um an vergessenen Orten vergessene Lieder aufzuspüren. Sie übernachten im Zelt.
Sie haben ein Tonaufnahmegerät mit sich, das auf einem Wachszylinder die Töne als bergige Landschaften festhält und mit dem umgekehrten Aufnahmetrichter abgespielt werden kann.
Es ist der Traum einer Liebe, verbunden durch die Musik und offenbar ohne Gedanken an die Zukunft. Es ist Romanze pur, die beiden sind ein Herz und eine Seele, ein Leben in Liedern.
Die Wege trennen sich nach dem Projekt. 1923 ist Lionel Chorleiter in Rom bei einem der berühmtesten Männerchöre. Er hat offenbar einen jungen Geliebten. Lässt den aber, wie er eine Berufung nach Oxford erhält, ohne merkliche Gemütsbewegung in Italien zurück.
In England lernt Lionel Clarissa (Emma Canning) kennen. Sie gehen ein Verhältnis ein. Sie stellt ihn ihren Eltern in deren Schloss vor. Er ist inzwischen ein berühmter Sänger. Er verlässt nullkommaplötzlich England wegen eines Todesfalles in der Familie. Und bleibt in Amerika. Auch das scheint ohne große Gefühlsregung, ohne Reue zu passieren. Da hat die Mutter von Clarissa den richtigen Riecher gehabt. Da ist es schon 1927.
Da die Briefe an David nie beantwortet worden sind, macht Lionel sich auf die Suche nach ihm. Wer keine Spoiler mag, sollte spätestens hier aufhören zu lesen. Der Film gibt noch das Schicksal von David preis und macht dann einen Sprung auf 1980.
Lionel (jetzt Chris Cooper) ist ein renommierter Autor, ein alter weiser Mann, ein Autor wichtiger Werke zur Musik, ein berühmter Musik-Ecologist. Der Film dröselt höchst sensibel und in anschmiegsam schönen Bildern den Hintergrund dieses alten weißen Mannes auf, einer Menschen-Gattung, die zur Zeit nicht den allerbesten Ruf hat. Der Film dürfte, wie La Grazia, durchaus auch als ein Argument zur Rettung dieses Rufes gelesen werden. Der Film fasziniert durch die emotionale Durchlässigekeit der beiden Hauptakteure und den kultivierten Liedgesang und wie er das flatterhafte Wesen der Liebe dieser beiden Männer ausleuchtet, ist phänomenal.