Da schwappt alles zusammen
in Hamburg im Immigrantenmilieu: der Kurdenkonflikt, Reminiszenzen an Sarajewo, das Leben als Illegaler, Asylthema, Menschenjagd, in Hamburg schwemmts die Drogen an, die wollen vertickt werden, die Hektik des Essenausfahrers und jene im Kebab-Laden, die Angst vor der Polizei.
2003 drehte Yüksel Yavuz in Hamburg diesen Film mit Unterstützung vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF. Der kommt jetzt digitalisiert und verdient wieder ins Kino.
Es ist ein Film am Puls des Lebens, ein Film, der die Freiheit der leichten Handkamera nutzt, ein Film, der sich in diesem Ansturm des Lebens behauptet und der nebenbei noch eine kleine Hommage ans Filmen bereithält, indem er seinem Protagonisten Baran (Cagdas Bozkurt) eine Kamera in die Hand drückt, mit der er seine Eindrücke filmisch festhält.
Man erinnert sich, das war die Zeit kurz vorm Aufkommen und der massenhaften Verbreitung von Smart- und iPhones, mit denen inzwischen wirklich jeder zum Filmer werden kann.
Der Junge Baran, 16, ist aus der Türkei geflüchtet. Seine Eltern, Kurden, wurden dort ermordet. Er erhofft sich eine Zukunft in Hamburg, hat seinen Asylantrag gestellt. Er kann bei einem Verwandten unterkommen, jobbt in dessen Kebabladen als Mädchen für alles, er fährt mit dem Fahrrad bestelltes Essen aus.
So eine Fahrt nutzt der Film für einen subjektiven Zusammenschnitt der Eindrücke des Fahrers, der gleichzeitig filmt; Hamburg flitzt im Irrsinnstempo an einem vorbei. Hier erinnert der Film an eine holländische Dokumentation über einen Pizzaausfahrer; der Film war am Dokumentarfilmfest München 1997 zu sehen, Titel ist mir leider nicht erinnerlich.
Ähnliche Momente finden sich in Souleymans Geschichte, der im Februar ins Kino gekommen ist.
Baran freundet sich an mit dem Illegalen Chernor (Leroy Delmar). Der ist eine Person of Colour mit blond gefärbten Haaren und verklickert Drogen. Das missfällt Baran. Beide verstehen sich gut mit dem Obdachlosen, der sich Käpt’n (Thomas Ebermann) nennt, und der das Ringelnatz-Gedicht von den zwei Ameisen zitiert, die sich auf den Weg nach Australien machen; ironisch-lyrisches Bild für die zwei, die irgendwie in Hamburg festsitzen und der Polizei tunlichst aus dem Weg gehen.
Der Film ist nah am Puls des Lebens, man glaubt kaum, einen deutschen Film vor sich zu haben, ein sprudelndes Erzählkino, das sich wohltuend abhebt vom oft bemühten, betulichen, deutschen Subventions-, Literaturadaptions- und Themenkino.
Es entsteht der Eindruck, er sei gemacht nach den Prinzipien der Nouvelle Vague, wie Linklater sie in seinem Film Nouvelle Vague interpretiert. Nebst Job, dem Hickhack und der Hektik im Döner-Laden gehören wie selbstverständlich zum Leben auch die Blicke und Texte zum anderen Geschlecht mit Verweis auf die Traditionen aus der Heimat.
Einen dramatischen Impetus verleiht dem Film die Begegnung mit jenem Mann, der in der Heimat die Eltern von Baran verpfiffen hat. Hier kommt eine Pistole mit aller Konsequenz ins Spiel.