Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean

Ist der Mensch lernfähig?

Éric Besnard (Louise und die Schule der Freiheit, Die einfachen Dinge, Birnenkuchen mit Lavendel), der Regisseur dieses Filmes nach den ersten Seiten des berühmten Romans von Victor Hugo, will die Hoffnung nicht aufgeben, wie er bei der Vorstellung seines Filmes im Rio Filmpalast in München anmerkte.

Er sehe sich als ein Kolibri aus der Beispielgeschichte, der gegen einen Waldbrand im Amazonas zum Wasser fliegt, einen Tropfen aufnimmt und in den Brand fallen lässt. Auf die Frage, wieso er das mache, das sei doch aussichtlos, meint er, er trage sein Teil bei.

Mit diesem Film trägt Besnard sein Teil bei zur Evaluation, ob eine Besserung der Menschheit möglich sei. Denn die Menschen sind komplexer, als der erste Anschein oft denken lässt. Man muss sich nur mit ihnen und ihren Geschichten beschäftigen.

Der Autorenfilmer hat sich den aus dem Roman berühmten französischen Humanisten vorgenommen, der Jean Valjean von Victor Hugo geworden ist. Er schaut sich seine Vorgeschichte an.

Als junger Bursche fühlte sich Jean Valjean nach dem Tod seiner Eltern als ein guter Mensch verantwortlich für seine Schwester und deren fünf Kinder. Er nimmt jeden Job an, damit wenigstens ein paar Krümel Brot auf den Tisch kommen. Er arbeitet in einer Bäckerei. Nachts klaut er einen Laib Brot für die hungrigen Mäuler zuhause. Er wird verhaftet, wird für Jahre ins Gefängnis gesteckt. Weil er immer wieder Ausbruchsversuche macht, verlängert sich die Strafe auf insgesamt 19 Jahre.

Der Film fängt damit an, dass Jean Valjean (Grégory Gadebois) aus dem Gefängnis entlassen ist und keine Bleibe findet, nur Ablehnung erfährt. Der Film schildert das schonungslos krass. Thema Strafvollzug: er ist im Gefängnis kein besserer Mensch geworden.

In der Gesellschaft wird er als Outcast behandelt. Bei einem Priester (Bernard Campan) ist er willkommen. Der Priester hat seine eigene Geschichte. Seine Haushälterin Magloir (Alexandra Lamy) ist die personifizierte Vereinfacherin und von Vorurteilen geleitet. Es sei ganz gefährlich so einen Menschen aufzunehmen. Baptistine (Isabelle Carré) sieht das etwas differenzierter. Monseigneur aber setzt sich gegen die beiden Damen durch. Für Jean Valjean wird die Gastfreundlichkeit zum Problem, weil sie zu seinem im Gefängnis angeeigenten Rollenverhalten nicht passt.

Der Film begleitet, mit Rückblenden an Jugend und Knastzeit angereichert, diesen Prozess von Valjean, den die Auseinandersetzung mit dem Monseigneur in Gang setzt, bis zu dem Moment, wo er an das Gute in sich und wohl auch im Menschen zu glauben anfängt. Das ist ein Bekehrungsmoment, ein Saulus-Paulus-Moment. Den siedelt der Film in karg südfranzösischer Landschaft an, wie man sie genauso gut für eine Bibelverfilmung im Stile eines Pasolini vorstellen könnte. Der Himmel ist in verklärender Hinsicht, aber nur ganz leicht, zu mehr Licht bearbeitet worden, die Vögel singen.

Der Film ist eine Passions-, eine Leidens- mehr noch: eine Einsichtsgeschichte in großen Kinobildern, in bezirzend schönen Landschaften und Gebäulichkeiten mit dem entsprechenden Sound unterlegt erzählt. Er spielt um 1815.

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