Nicht alles schon wissen
Gerne ist es in Coming-of-Age- und Teeniefilmen so, dass die alles über den Sex und die Liebe schon zu wissen glauben, und dass die einzige Frage die nach dem ersten Mal ist.
Dann gibt es differenziertere Behandlungen des Themas, suchendere. In Lurker diente sich kürzlich ein Klamottenverkäufer einem Popstar als Muse an; das schien intuitiv und ohne, dass ihm wohl klar war, auf was er sich einlässt. Und eben erst ließ sich in Pillon wie magnetisch angezogen ein junger Mann anlässlich eines Blind Dates auf ein Unterwerfungsverhältnis mit einem Biker ein.
Hier im französisch-belgisch-italienischen Film von Robin Campillo nach dem Buch von Laurent Cantet wird noch differenzierter und geduldiger hingeschaut. Der Film beobachtet genau den unschuldig-sinnlichen, sechzehnjährigen Enzo (Eloy Pohu); versucht zu ergründen, was in ihm vorgeht; versucht nachzuvollziehen, was Enzo vielleicht selber nicht klar ist. Nicht dass er Berührungängste mit Mädchen hätte. Das zeigt eine Swimming-Pool-Szene mit Amina (Malou Khebizi). Aber es scheint lustige, sorglose, hintergedankenfreie Schmuserei zu sein.
Enzo stammt aus liberalen Verhältnissen. Sein Vater Paolo (Pierfrancesco Favino) ist Professor, seine Mutter Marion (Èlodie Bouchez) ist Ingenieurin, verdient mehr als der Vater. Die Familie bewohnt hoch über dem Meer in der Nähe von Marseille eine großzügige Beton-Villa mit Pool.
Der ältere Bruder von Enzo, Victor (Nathan Japy) ist ein ordentlicher Student und bewirbt sich gerade an einer Uni in Paris. Der hat seinen Freundeskreis, scheint sein Coming-of-Age problemlos hinter sich gebracht zu haben.
Nicht so Enzo. Er hat die Schule geschmissen. Sie hat ihn nicht interessiert. Das scheint die Eltern vielleicht besorgt gemacht zu haben, aber genau wollten sie das nicht wissen. Etwas treibt Enzo um. Er hat sich entschieden eine Maurerlehre zu beginnen. Weil er unzuverlässig ist, will sein Chef Corelli (Philippe Petit) mit den Eltern reden. Der staunt nicht schlecht, in welchen Verhältnissen Enzo wohnt. Enzo behauptet, ihm mache die Lehre Spaß. Nach dem Gespräch zeigt er Einsatz und Interesse bei der Arbeit.
Die Kollegen Vlad (Maksym Slivinskyi) und Miroslav (Vlasislav Holyk) stammen aus der Ukraine. Da sie noch keine 25 sind, dürfen sie nicht in den Krieg eingezogen werden.
Der Film schildert, wie Enzo, wie von unsichtbaren Mächten, sich zu Vlad hingezogen fühlt, wie er Gründe findet, ihn aufzusuchen. Vlad geht darauf ein, verschafft ihm einen Schwarzjob nur für sie beide. Aber wie Enzo konkreter wird, weist Vlad ihn barsch ab.
Hochsensibel beobachtet der Film die sich entwickelnden Konflikte von Enzo, seine vagen Vorstellungen, sein Umgang mit den Krisen, die seine ahnungsvolle Suche hervorruft, und wie die Eltern sich ehrlich um ihn bemühen. Was weiter daraus wird, bleibt offen. Vlad und Miroslav verabschieden sich in die Ukraine.