Von wegen Themenfilm
und gleich mit zwei Themen belastet: Taubheit und Blindheit. Nix da, deutscher Themenfilm mit erfundenen Figuren zum Thema und mit papierenen Text, die von Subventionsschauspielern routiniert runtergenudelt werden, ob noch Milch im Kühlschrank sei, obwohl weder die Milch noch der Kühlschrank einen Bezug zum Thema haben, nix Konstruktfilm für Fernsehredakteure; auch wenn die ersten Szenen noch dran denken lassen, immerhin bereits vergnüglich, mindestens ein Schulungsfilm, ein Einführungsfilm in die Thematik solcher Defizite; ganz konkret kommt das Hamburger Dialoghaus in Spiel. Eine Einführung für das Team gibt es auch, dazu einen Ausflug zum Bouldern.
Aber nix da mit strohtrockener kinofeindlicher Themendrescherei: Milan Skrobanek, der mit Eibe Maleen Krebs auch das Drehbuch geschrieben hat, geht sein Thema mit einer Leichtigkeit und Beschwingtheit an, mit elementarer Kinobegeisterung, als gebe es nicht anderes und nichts wichtigeres auf der Welt. Er macht aus der Thematik einen der vielleicht schönsten, deutschen Liebesfilme der letzten Jahre, einer Liebe mit all ihren Höhen, ihrer Zerrissenheit, ihrer Schwierigkeit mit Menschen, die selber eine Geschichte und von zuhause aus schon Konflikte habe nebst ihrem Perzeptionsdefizit.
Immerhin gibt es heutzutage Apps, die die Kommunikation erleichtern und jemandem in die Hand hinein mit dem Fingeralphabet einen Text tippen, kann ein zusätzlicher Reiz und Geheimnis bedeuten.
Mit der Desktopkinematographie, also den App-Texten, geht Milan Skrobanek wohldosiert um.
Florian (David Knors) ist blind. Er bezieht Bürgergeld. Klischeehaft wird er vom Beamten behandelt, der mit Sanktionen, also Kürzung, droht. Er fängt seinen neuen Job im Dialoghaus an. Hier trifft er auf Kati (Cindy Klink). Sie ist taub. Ihr Hobby ist das Fotografieren. Dieses als Beruf auszuüben, scheint aussichtslos. Ebenso schwierig, eine Wohnung zu finden.
Entlang dem Stimmungsraster der Jahreszeiten schildert der Film, in seiner Leichtigkeit noch unterstützt von einem jeweils passenden Musikscore, die Annäherung der beiden. Er macht auf die familiäre Situation aufmerksam. Kati hat ein Riesenproblem mit ihrer Mutter, die sie vielleicht zu sehr verwöhnt hat. Ihr gegenüber versteckt sie auch, dass sie trotz Taubheit sprechen kann; sie verweigert ein Gehörimplantat.
Es ist jetzt in kurzer Zeit der dritte Nordseefilm, hier nebst Hamburg, alle absolut bemerkenswert: Amrum, Yunan und Bubbles, wir waren doch Freunde.
Nebst der Präsentation von Florian bei den Eltern von Kati gibt es einen Ausflug ans Meer zur Trauerfeier für den verstorbenen Vater von Florian. Auch hier werden tiefe Risse im Familiengefüge sichtbar.
Der Film nutzt die Jahreszeiten und Ausflüge des Paares oder auch einzelne Momente des Inneren Monologes der Figuren, um mit Seilbahn oder Jahrmarktfahrgeschäft, Tandemfahrten über Land, einem Konzert im Park, mit Spazierwegen und Strand (gerade der bietet sich an für eine symbolische starke Begegnunsszene zwischen den beiden, die selber nicht recht wissen, ob sie Liebende sind), und trägt somit von Seiten des Kameradepartments von Andreas M. Klein, sein Teil zu dieser unerhörten Leichtigkeit und Munterkeit des Seins trotz allem bei.
Ein anderer, schöner Film aus der Welt der Stille: Sorda – Der Klang der Welt.