Harte Regeln
Das Vaterrecht für einen Gaijn in Japan, also einen Mann ausländischer Herkunft, ist brutal hart; der Vater scheint überhaupt keine Rechte zu haben, wenn die japanische Mutter es nicht will.
So ergeht es Jérôme (der fabelhafte Romain Duris). Er hatte eine Tochter gezeugt, Lily (die ebenso fabelhafte Mei Cirne-Masuki). Sie ist jetzt fünfzehn, geht aufs Gymnasium und hat seit der Trennung der Eltern vor neun Jahren den Vater nicht mehr gesehen. Er will aber keine Scheidung. Er ist Franzose, hat als Koch gearbeitet, er spricht passabel japanisch, dann hat er auf Taxifahrer umgesattelt, damit er tagsüber seine Tochter suchen kann. Er sehnt sich nach seinem Kind, er vermisst den Kontakt zu ihm; er wäre wohl ein modellhaft liebender Vater.
Der Film von Guillaume Senez, der mit Jean Denizot auch das Drehbuch geschrieben hat, kommt ohne Japantümelei oder Japanschwärmerei aus, wie eine Doris Dörrie sie gerne in in ihren Japan-Filmen zelebriert hat. Er konzentriert sich auf seine Hauptfigur, die den Film spielend trägt und gibt nebenbei ganz selbstverständlich einen Einblick in die japanische Gesellschaft.
Jérôme ist in einer Selbsthilfe-Gruppe für Männer, die ähnliche Probleme mit den Kindern haben. Das sind offenbar gar nicht so wenige.
Es ist ein Themenfilm, der exemplarisch und hervorragend an einem Fall ein wichtiges japanisches, gesellschaftliches Problem filmisch höchst genießbar und spannend aufbereitet. Dazu nutzt er auch geschickt den Sound, der immer wieder thrillerhafte Momente einbringt.
Wie Jérôme für einen Kollegen bei dessen Tour einspringt, muss er ein Mädchen, mit einem gebrochenen Knöchel zur Schule fahren. Er ist fasziniert von ihr. Auf seinem Arm hat er den Namen seiner Tochter Lily eintätowiert. Darauf macht der Film geschickt beim Besuch einer Badeanstalt aufmerksam. Er entdeckt, dass das Mädchen vermutlich seine Tochter ist und wie elektrisiert fäng er an, sie zu beobachten.
Nicht nur, dass Jérôme einen Verstoß gegen die Arbeitsregeln riskiert, er bittet seinen Kollegen Shibuya Yu (Shinnosuke Abe), ihm einen Teil seiner Tour zu überlassen, nämlich jenen, bei dem er Lily zur Schule bringen und dort wieder abholen muss.
Die Oma von Lily (Shungiku Uchida) kommt dahinter, dadurch entdeckt Lily, wer ihr Chauffeur ist, während Jérôme eigentlich schon seine Abreise aus Japan plant. Er wiederum steht seinem Vater in Frankreich im Wort wegen dem Hausverkauf. So spitzt sich die Geschichte zu, dass plötzlich ein gänzlich unjapanischer Freiheitsbegriff relevant wird und zu einem abenteuerlichen Ausflug mit enormen Konsequenzen führt; denn auch Lily hat durch den französischen Vater ein ungelöstes Identitätsproblem, sie fühlt sich so halb-halb.
Der Film ist ein schönes Beispiel dafür, wie man ein konkretes Thema, dasjenige eines absurden Gesetzes in Japan bei Trennung, faszinierend universell erzählen kann. Und herrlich, dass Jérôme als Hausgenossen ein Äffchen hält. Das irritiert, wie sie bei ihm unterkommt, Jessica (Judith Chemla).