Reißerisch
ist die grafische Umrandung der schwarz-weiß Fotos des Opas mit einer Art rostrotem Gitter, das an den Ecken die Ansätze eines Hakenkreuzes insinuiert. Da weiß man, der war ein Böser.
Rein gar nichts ist kontrovers an dieser Sendung, die sich mit just diesem Eigenschaftswort schmückt, rein gar nichts. Gut und Böse sind klar aufgeteilt. Der Enkel ist der Gute, der mit demselben Ernst, mit dem sein Opa Nazi war, eine Aufarbeitung angehen möchte.
Reißerisch ist der Film auch mit den Aufmarsch- und Führerpropagandabildern, die er telquel übernimmt. Wie man das klüger, schlauer, dezidiert distanzierender handhaben kann, zeigt der „Film Friendly Fire – Erich Fried“, der am 30. April ins Kino kommt. Auch die Präsentation der Nazi-Devotionalien des Opas passiert andächtig, als ob sie etwas Kostbares wären.
Grade ertragreich ist auch das gebrochene Schweigen in der eigenen Familie nicht; denn da nichts gesagt worden ist, ist nichts weitergegeben worden. Über den Opa ist, außer, dass er ein ernster Mann gewesen sei, nicht viel mehr zu erfahren, als dass er bei der SS in aktiver Funktion tätig war. Auch ist der Titel der Sendung irreführend, da es praktisch nur um die Reichsprogromnacht geht. Der Titelzusatz mit „Schuld und Schweigen in der eigenen Familie“ wirkt angeberisch, da das nicht weiter behandelt wird außer der Feststellung, dass das kein Thema gewesen sei.
Der Film konzentriert sich auf die Reichsprogromnacht und da habe der Opa an vorderster Stelle mit gebrandschatzt. Was er sonst noch bei der SS getrieben hat, bleibt im Dunkeln. Kein Wunder, dass dessen Tochter unter einem Transgenerationentrauma litt, das sie wiederum an den Protagonisten dieses TV-Features von Christian Stücken und in beschämender redaktioneller Verantwortung und Leitung von Birgit Kappel weitergegeben hat. Deshalb gibt es ein anskizziertes Gespräch mit einem Psychologen.
Die Leiterin des NS-Dokumentationszentrums in München (wenn der Film nach München wechselt, wird mit Schrift der Name eingeblendet und ein roter Pfeil weist daraufhin, für alle, die es von den Bildern her nicht merken) geht auf den Auslöser für die Reichsprogromnacht ein: das Attentat des polnischen Juden Grynspan auf den Legationssekretär der deutschen Botschaft in Paris.
Vielleicht ist der Film lediglich als vorsorgliche Werbung für das Buch gedacht, das der Protagonist am Schreiben sei. Es scheint darin um seinen Herkunftsort Rheine zu gehen und wie die wie das übrige Deutschland den Wahnsinn mitgemacht haben. So entfährt denn dem Protagonisten auch und mal ein „Wahnsinn, verrückt, wirklich verrückt!“. Und dann werden noch ein paar Stolpersteine aufpoliert.
Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!
Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.