Lokaljournalist auf der Spur von Abgründigem
Andreas Reiner ist Lokaljournalist, Autokennzeichen GP für den Landkreis Göppingen, breiter schwäbischer Akzent, Nato-Army-Jacke „Lithuania“, gesunder Menschenverstand, fotografiert.
Für eine Reportage stößt Reiner auf ein Thema, was ihn nicht mehr loslässt. Aus einem geplant halbstündigen Treffen seien drei Stunden geworden. Daraus offenbar jede Menge Interviews, das zeigen Schwarz-Weiß-Fotografien im Abspann und schließlich der Film von Günter Moritz und Monika Agler mit dem Lokalreporter als Protagonisten und einer Auswahl an Interviews. Diese finden überwiegend in freier Natur an der Nordsee oder auf der Schwäbischen Alb statt, auch im fahrenden Auto oder in einem Innenraum.
Zwischen den Interviewclips gibt es Naturaufnahmen; eine zum Ernst des Themas passende Musik auf der Tonspur.
Es geht um Missstände, Missbrauch, körperliche Gewalt im geschützten Rahmen der Zeugen Jehovas. Reiner hat zwei Frauen, die krasse körperliche Züchtigung und Vergewaltigung erlebt haben, vor die Kamera geholt, einen Mann, der wegen seiner sexuellen Neigung zu anderen Männer Probleme bekommen hat und, unkenntlich gemacht, einen potentiellen Aussteiger, der im Ältestenrat war, diesen Posten aufgebeben hat. Er ist noch dabei wegen seinem Vater, er gibt das Interview, ohne dass jemand in der Gemeinde davon erfährt.
Der Ältestenrat ist eines der brisanten Themen. Das ist ein Zirkel von älteren Männern, die „Hüter der Herde“, die ganz oben in der Hierarchie der Gemeinde stehen und streng walten und kontrollieren. Immer wieder wird das Ältestenbuch erwähnt, das niemand einsehen darf und wo offenbar Brisantes festgehalten wird.
Die Aussteiger haben unter den extremen Kontrollen in der Gemeinschaft gelitten, darunter, dass Missbrauch eher den Opfern als den Tätern angelastet wird. Sie haben als Kinder brutale Züchtigungen mit Gürteln und ähnlichen Gegenständen erlebt, während nebenan die Gemeinde ihren Gottesdienst feierte.
Der Lokaljournalist ist ein Ereignis für sich. Immer wieder versucht er nachzuvollziehen, was seine Interviewpartner ihm erzählen, wie es menschenmöglich sei, dass Menschen Menschen solches antun, Menschen, die noch dazu ständig mit Bibelzitaten argumentierten, so dass ein vernünftiger Austausch, eine erwachsene Diskussion, ein rationales Gespräch nicht möglich ist.
Wie es sein kann, dass Missbrauch, obgleich den Ältesten bekannt, ja sie wollen im Verhör sogar ganz genau Details erfahren, nicht an die Behörden gemeldet wird. Reiner versucht zu verstehen, wie eine Konversionstherapie aus einem Schwulen einen Hetero machen soll. Seine Gesprächspartner erzählen von Jahren, die sie brauchen, Jahre mit Therapien, um sich von den Zwängen der Glaubensgemeinschaft zu befreien. Wie schwierig es als Aussteiger ist, da die Gemeinde Außenkontakte weitgehend verunmöglicht. Kinder dürfen nicht an Kindergeburtstage von Mitschülern. Wer aussteigt, steht erst mal alleine da. Das muss man aushalten. Die Suizidrate sei hoch.