In der Schlämmerecke
Die bundesdeutsche Schäm-, oh pardon, Schlämmerecke, wo ist die? Die ist in Grevenbroich. Hape Kerkeling als Horst Schlämmer ist dort Lokalreporter und hält mit dieser Figur und auch mit der Art, Kino zu machen, den Deutschen ihren Provinzialismus vor.
Es ist ein Welthorizont, der weiß, dass Dresden in Thüringen liegt und dass dort die unglücklichsten Menschen des Landes Leben. Schlämmer will sich nach der Corona-Epidemie auf die Suche nach dem Glück machen und das mit einem Film dokumentieren.
Horsts Stammkneipe Wilddieb hat dicht gemacht. Horst schließt, das ist doch immerhin ein dramaturgisches Momentum, was einen Spannungsbogen eröffnen kann, eine Wette. Wenn es ihm gelingt, den Horst-Schlämmer-Film zu machen, dann muss die Kneipe wiedereröffnen.
Der Lokalreporter mit den sperrigen Zähnen, der wilden Mähne begibt sich mit seiner unsichtbaren Assistentin, diese mit der Kamera bewaffnet, auf Glückssuche durch das Land.
Zur kulturellen Einordnung des Protagonisten wird eine Fernsehserie beigezogen, die im Sinne des 50er-Jahre Heimatfilmes und operettenhaft ländliche Idylle propagiert. Er ist Fan davon. Die Protagonistin ist eine liebliche Blondine namens Gaby Wampel (Tahnee Schaffarczyk). Die Serie zu schauen, macht Horst Schlämmer glücklich.
Der Film von Sven Unterwaldt Jr. nach dem Drehbuch von Claudius Läging erzählt das alles so, als sitze er selber zu hundert Prozent in der Schlämmer-Ecke, als reiche sein Horizont nicht einen Mü weiter. Es wird voll die 50-Jahre-Käseglocke über das Werk gestülpt.
Die heutige Zeit wird Miniportiönchen verabreicht. Corona ist vorbei, Lach-Yoga in Bad Lobenstein kommt vor und andere Patienten-Beschäftigungen. Die DB bekommt ihr Fett ab und die Schaffnerin Frau Schlonzbach (Kerstin Thielemann) betreibt privat einen S/M-Club. Markus Söder darf zeigen, dass er als Schauspieler buena figura macht.
Der Film präsentiert die Provinzialität so gekonnt, dass man, wenn man ihn exemplarisch für das moderne, deutsche Kino nehmen wollte, dieses als absolut rückständig glaubwürdig dargestellt sähe. Ein Kino aus einer Zeit, als eine ganze Generation gerade versuchte, die Gräuel der Nazizeit zu verdrängen. Doch unsere Zeit ist auch nicht schlecht bedient mit grauenhaften, vom Zaun gerissenen, massenmörderischen Konflikten. Vielleicht liegt darin die Sehnsucht nach ein wenig ablenkendem Operettenglück begründet und nach geistiger Anregung durch Witze wie, die Deutsche Post leere gelbe Mülltonnen oder die Deutsche Bahn sei pünktlich: Fahrgäste rasten aus.
Gerade heute kommt ein Film über einen echten Lokalreporter ins Kino, im Film Ich war ein Zeuge. Da kann man wunderbar die Differenz zwischen der Schlämmer-Figur und einem echten Vertreter der Berufsgattung beobachten.