La Grazia

Vom Älterwerden

Dieser neueste Film von Paolo Sorrentino ist ein vereinnahmender Film über das Älterwerden.

Zu gleichem Recht ließe sich behaupten: dieser neueste Film von Paolo Sorrentino ist ein wundervoller Film über die Liebe … Familie … Eifersucht … Einsamkeit … Macht … Freiheit … das Leicht-Sein bis hin zur Schwerlosigkeit … die letzte Wegstrecke.

Er ist all das und vieles mehr, er ist das eindrucksvolle Porträt eines alten Mannes. Dieser alte Mann, Toni Servillo, ist zufälligerweise Präsident von Italien und residiert in Rom im prunkvollen Quirinal. In wenigen Monaten wird seine Amtszeit ablaufen. Seine engste Mitarbeiterin ist seine ledige Tochter Dorotea (Anna Ferzetti). Sein Sohn Riccardo (Francesco Martino) lebt in Kanada und ist Musiker. Seine Frau Aurora ist vor acht Jahren gestorben.

Erst wirft Sorrentino einen liebevoll schalkhaften Blick in angemessen staatstragender Inszenierung auf die Tücken des Protokolls; was in der deutschen Untertitelung mit Ritus oder Ritual meines Erachtens nicht ganz treffend übersetzt ist. Das Wapperl des Präsidenten am Revers seines Jacketts, was im Wind hoch über dem Quirinal, wenn der Präsident raucht und seinen Sehnsüchten nachhängt, wie ein Zittergras im Schilf bebt. Der Rote Teppich, der sich dem dattrigen Staatsbesucher aus Portugal wie ein Wildfang entgegenwirft und droht, ihn zu Boden zu reißen. Und das Menschen-Spalier steht wie angenagelt, entsetzt und erstarrt da.

Es sind drei politische Vorgänge, die der Präsident zu erledigen hat. Es geht um zwei Begnadigungsgesuche und um die Unterzeichnung des Sterbehilfegesetzes (da steht er je nachdem als Folterer oder als Mörder da) und dabei auch darum, dass der Präsident Dinge, die ihm schwerfallen oder die zu entscheiden er nicht den Mut hat, gerne vor sich herschiebt. Entsprechend wird er von seiner Entourage bearbeitet.

Der Präsident aber überlegt immer hin und her, was eine Entscheidung für ihn bedeuten wird, wie sie ihm ausgelegt würde, welche Komplikationen er damit riskiert. Es gibt eine vertrauliche Begegnung mit dem Papst, der ist Afrikaner. Und es gibt die seit seiner Jugend vertraute, exzentrische Coco Valori (Milvia Marigliano).

Ein paar Staatsauftritte lässt sich der Film nicht entgehen: Eröffnung einer Tanzwoche oder eine Premiere in der Scala sowie die berufliche Begegnung mit einer attraktiven jungen Journalistin, die den Präsidenten an seine Verstorbene Aurora erinnert.

Es scheint Sorrentino bei diesem Präsidenten in keinerlei Hinsicht um Hinweise auf eine historische Figur zu gehen; er benutzt ihn und seine Umgebung, die umso weltfremder wirkt, wenn der Film mit Besuchern ins Gefängnis wechselt, zum Entwurf eines vielschichtigen, faszinierenden Porträts eines alten weißen Mannes auf seiner letzten Wegstrecke. Dass er seit Jahren schon als Spitznamen den „Betonkopf“ verpasst bekommen habe, das gibt ihm zu denken. Der Film gibt ein Votum ab gegen die modische Intoxierung des Begriffes „alter, weißer Mann“.

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