Männer mit Lockenköpfen und Gefühlen
Nicht alle hatten sie Lockenköpfe, die deutschen Fußballweltmeister von 1990, aber der Eindruck dominiert, da ja auch verschwitzte Haare sich wellen und schwitzen tun Fußballer nun wirklich bei so einem Spiel, erst recht in Italien im Sommer.
Gefühle zeigen sie gleich mehrfach. Im Rausch des Titelgewinnes sowieso, aber auch heute in der Erinnerung und noch mehr, wenn es um einen Kollegen geht, der schon gestorben ist, Andy Brehme, der ein vorbildlicher Teamspieler war.
In Zeiten wie diesen, in denen vorgebliche Präsidenten, die eher in die Verwahranstalt gehören, Kriege mir nichts dir nichts vom Zaun brechen mit unabsehbaren Folgen, kann es wie Balsam wirken, sich der Magie des Kinos hinzugeben, jener Magie, die es ermöglicht, zum Schwelgen in die Vergangenheit abzutauchen.
Die Vergangenheitsdoku selbst ist nach gängigem Muster zubereitet, einer Montage aus Archivbildern – die generell die reizvolleren sind – und aus heute gedrehten Talking-Heads von damals.
Einige der damaligen Akteure werden zum Behufe dieser Doku zusammengetrommelt in jenem Hotel am Comer See, das das Quartier für die Deutsche Nationalmannschaft unter Trainer Franz Beckenbauer war.
Beckenbauer hat seine Mannen an der langen Leine gehalten, die Familien waren in einem Nachbarhotel. Wie er mitgekriegt hat, dass einige Jungs auf geliehenen, frisierten Motorrädern einen Ausflug nach Como unternommen haben, hat er ihnen diskret verlässlichere und nicht frisierte Mopeds hingestellt.
Das dürfte in dieser Doku von Vanessa Goll und Nadja Kölling, unterstützt von Co-Autor Nils Suling, der Clou sein, dass sie bisher nie öffentlich gezeigtes Archivmaterial von Bodo Illgner, aus den Archiven der FIFA und von Sepp Maier benutzen konnten.
Der Zuschauer darf exklusiv Fußballmäuschen spielen, darf auf der großen Kinoleinwand intime Einblicke in die Fußballgarderoben, den Mannschaftsbus, die Hotelzimmer, den Blick aus dem Zimmer auf die Fans oder aus dem Bus auf die die Straßen säumenden Menschenmassen bekommen.
Es ist ein Ablenkungskino, ein Eskapismuskino, man kann eintauchen in längst vergangene Aufregungen ohne selbst den Herzstillstand zu riskieren, da ja von Anfang an bekannt ist, wer Weltmeister wird. Teilhaben an den Erinnerungen von ehemaligen Weltmeistern; sie sagen, Weltmeister bleibt man immer. Also auch heute noch. Und wir mit ihnen.