Neue Sachlichkeit?
Kehrt mit Johanna Wokalek als Ermittlerin Cris Blohm eine neue Sachlichkeit in die öffentlich-rechtliche Sonntagabendkrimiwelt ein, die mit ihrer Schnörkellosigkeit und Unaufgeregtheit eine neue Glauwürdigkeit und damit eine Verstärkung der Relevanz mit sich bringt?
So scheint es auf jeden Fall mit diesem Fall von Christian Bach, der sowohl das Buch geschrieben als auch die Regie geführt hat unter den redaktionellen Auspizien der Zwangsgebührentreuhänder Claudia Simionescu und Tobias Schultze vom BR.
Ein Krimi, der sich möglicherweise an der entspannten Art von früheren, sorgsam gemachten Reihen wie Derrick orientiert. Es ist ein Krimi, der keine hirnrissigen Ausflüge in eitler Extravagenzlerei auf Kosten der Gebührenzahler in irgendwelche Luxusherbergen in den Alpen, in die Innenwelt eines Staatstheaters oder besonders sensationsgierig mitten in die Münchner Sicherheitskonferenz unternehmen muss, kein Krimi, der sich als verkapptes Kino fühlt, kein Krimi, der überambitioniert gleich alle gesellschaftlichen Probleme auf einmal auffächern, mit einem Themenwust sich aufspielen will.
Es ist ein Krimi, der einen Einblick in ein modernes München gibt, in feinere Schichten und in weniger feine und wie die feinen Schichten die weniger feinen ausnutzen. Es geht um Fälle, die man durchaus für möglich hält. Es ist eine Erzählung, die auch dank der klaren, schnittfreundlichen Bildgestaltung von Namche Okon prima verdaulich und nachvollziehbar präsentiert wird. Sie zeigt ein München aus verschiedenen Perspektiven.
Es ist ein Krimi, der nicht mit erzwungener Originalität, sowohl der Texte als auch der Figuren, auffallen will. Der schrägste Witz ist derjenige mit dem Kondom am Feuermelder; von der feineren Art ist eine Pointe wie diejenige, dass die Diplomatie eine Bereicherung darstelle vor allem für die Charakterbildung (wäre einer genaueren Evalutaion wert).
In einem der beiden Fälle spielt eine Diplomatenfamilie eine Rolle. Das sind die Assauers. Mutter Mona (Liliane Amuat) ist Diplomatin. Tochter Kim (Josefine Keller) ist in einen Fall von Fahrerflucht verwickelt. Mit diesem Delikt fängt der Krimi schön konventionell an. Ein Porsche überfährt bei der Renatastraße in Nymphenburg einen Radfahrer. Der ist tot. Der Fahrer auf der Flucht.
Den Porsche melden die Assauers zwei Tage nach dem Vorfall als gestohlen. Den Kopf für Diebstahl und Fahrerflucht hält Timo Reisinger (Christopher Todt) hin. Der ist ein bekannter Autoknacker, arbeitslos. Er wohnt mit Frau und zwei Kindern in einem Wohnblock. Die soziale Spanne ist somit angedeutet.
Es gibt einen zweiten Fall, einen Cold Case. Eine in einen Sack gepackte Frauenleiche wird an einem Isarwehr angespült. Für den Mord an der Frau sitzt der Afrikaner Léon Kamara (Yoli Fuller) in Stadelheim ein. Er hatte den Mord damals auch gestanden. Allerdings hatte er behauptet, die Leiche zerstückelt und im Müll entsorgt zu haben.
Ermittlerin Blohm und ihr angehm zurückgenommen spielende Kollege Stephan Zinner als Dennis Eden stoßen in beiden Fällen auf den Staranwalt August Schellenberg. Der wird blendend diskret gespielt von Tobias Moretti.
Überhaupt setzt der Regisseur seine prima von Nessie Nesslauer gecasteten Darsteller mit feiner Führung in sein Krimipuzzle ein, das er nie aus dem Auge verliert. Die Musik von Ege Ateslioglu trägt in ihrer Diskretion und Unaufdringlichkeit das ihre bei.
Es ist Fernsehen, bei dem man gern zuschaut, Sympathie für die Figuren empfindet, weil es nicht mehr sein will, als gut erzählendes Fernsehen, weil es so ganz bei sich ist und weil es Dinge erzählt, die durchaus vorstellbar sind in einer Stadt wie München. Oh, da schaudert einen, vor allem, wenn man das Ende bedenkt, das möglicherweise für Diskussionen sorgen wird.
Eine Mäkelei gibt’s dennoch. Sie betrifft das Buch. Die 90 Minuten würden vermutlich noch ergiebiger, wenn sich der Film auf den Fall der Assauer beschränkt hätte und den nötigen Vergleichsfall nur kursorisch, so weit nötig, angeführt. Es wäre schon spannend, etwas mehr Einblick in das Diplomatenmilieu, vor allem das Leben der Tochter und ihrer Handlungsmotive zu erhalten. An Erzählfutter dürfte es hierbei nicht mangeln. Dass der Polizeiruf mit kleinen Szenen auf Rechtsbestände aufmerksam macht, das ist ganz ok, da etwas zu lernen, falls man es noch nicht weiß, zum Beispiel, dass ein verurteilter Straftäter nicht ein zweites Mal für dasselbe Delikt verurteilt werden kann.
Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.