Un poeta

Die Last der Poesie

Ubeimar Rios stellt in diesem Film von Simón Mesa Soto die Titelfigur des Dichters Oscar Restrepo als einen Zerrissenen dar, als eine Figur, die sich vor lauter Selbstwidersprüchen kaum bewegen kann.

Von der Physiognomie mit den dominierenden Zähnen erinnert er an die Horst-Schlämmer-Figur eines Hape Kerkeling oder auch an den Toni Erdmann von Peter Simonischek. Er gerät damit oft an die Grenze des Skurrilen, der Karikatur, was grotesk und gleichzeitig hochsymbolisch werden kann wie in der Szene, in der er – Achtung Spoiler – sein schweres, noch unmündiges Poesietalent Yurlady (Rebeca Andrade) als Alkoholleiche auf dem Rücken trägt und wie ein Esel drunter, er der Förderer des Talents, wirkt. Die Bürde der Poesie.

Restrepo hat einen erfolgreichen Start als Lyriker hingelegt. Zwei Bändchen sind erschienen. Mit dem nächsten kommt er offenbar nicht voran. Das bedeutet: kein Geld. Jobs sagen ihm nicht zu, unterrichten nicht und schon gar nicht Philosophie. Gleichzeitig bettelt er in der Buchhandlung, sie möchten doch Werbung für seine Bücher machen.

Restrepo hat eine halberwachsene Tochter, Daniela (Alisson Correa). Die Beziehung zu ihr ist entfremdet. Um seine Mutter soll er sich auch noch kümmern. Schließlich ist er bereit, an einer Schule Poesie zu unterrichten.

Wir sind in Kolumbien, die Antioquia Universität wird erwähnt, dann wären wir in Medellin. Das Poesietalent aus der Schule stammt aus einer vielköpfigen Familie, die in favelabeengten Verhältnissen am Berghang über der Stadt lebt. Hier glüht mal wieder etwas Need in seinem Leben. Er ist von dem Lyrik-Talent Yurlady angetan, möchte es, und das heißt automatisch: und seine Familie fördern, er der selber immer knapp bei Kasse ist und sich von Freunden dubiose Investments aufschwatzen lässt.

Dazu nimmt er Kontakt zu den Leuten auf, die den Nachwuchspreis verleihen. Das wirft einen kritischen Blick auf die Kulturbürokratie und das kulturbürokratische Verhalten der Protagonisten der Lyrik-Szene: ihr Eitelkeiten, ihr Opportunismus, wie Lyrik gefallen müssen, was es braucht, dass sie von den Zirkeln, die sie fördern, auch verstanden wird.

Wenig hilfreich ist es, wenn ein Mädchen aus armen Verhältnissen davon träumt, seine Fingernägel modisch anzumalen, wenn es mit seiner kleinen Welt zufrieden ist, sich dort in aller Einfachheit wohl fühlt. Nein, es muss ans Gewissen der feinen Gesellschaft appelliert werden, es muss auf soziale Unterschiede, auch auf rassistische, aufmerksam gemacht werden. Sonst versteht es die niederländische Kulturattachée, die ein wichtiges Fördermitglied ist, nicht und dann steht die Förderung auf dem Spiel.

Mit einer Hauptfigur wie einem absolut nicht anpassungsfähigen noch anpassungwilligen Poeten passieren die größtmöglichen Unfälle, die man sich vorstellen kann. Der Nachwuchslyriker-Wettbewerb geht gerade noch stolperfrei über die Bühne. Aber das Mädchen sollte keinen Alkohol trinken.

Die mit dem Preis beehrte, unmündige, trinkt aber … Das beschert dem Film jede Menge Konfusionen, falsche Anschuldigungen, Kündigungen, Misstrauen, einen Scherbenhaufen sondergleichen, den der Regisseur, der auch der Drehbuchautor ist, wunderbar wieder zusammenkehrt und damit selbst die Kriterien erfüllen dürfte, die einen lateinamerikanischen Film für Europäer förderungswürdig machen. Fusseln am Bildrand und die Flusenränderung dürften das ihre dazu beitragen.

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