The Testament of Ann Lee

Preis der Gewaltlosigkeit

Gewaltlosigkeit ist, wenn auch kein lautes, so doch ein latentes und dringliches Thema in einer Welt im Rüstungswahn und mit absurden Kriegen oder in diktatorischen Staaten die innerstaatliche Gewalt.

Die Shaker haben ein Gesellschaftsmodell der Gewaltlosigkeit entwickelt. Der Preis dafür ist hoch, den das einzelne Individuum bezahlt. Insofern ist fraglich, wie weit es in modernen, hochindividualisierten Gesellschaften überhaupt anwendbar und von Belang sein kann.

Mona Fastvol, die mit Brady Corbet auch das Drehbuch geschrieben hat, zeichnet anfänglich als Ölschinkenkino, sie scheint sich darin zu laben, jedoch zusehends mit Spannung das Leben der Anne Lee (Amanda Seyfried) nach.

Als Kind einer vielköpfigen Familie ist sie im Manchester von 1736 zur Welt gekommen. Ihr Vater war Grobschmied. Früh schon hat sie starke Visionen. Sie heiratet Abraham (Christopher Abbott), ebenfalls ein Grobschmied. Ihre Glaubenswelt ist die der Methodisten; hier gibt es Erweckungsversammlungen.

Die Lust in der Ehe wird so geschildert, dass sie mit der Peitsche vertrieben wird. Vier Kinder gebärt sie, sie sterben im ersten Lebensjahr oder kommen tot zur Welt. Anne verabscheut die geschlechtliche Lust. Als Symbol dafür setzt der Film kurze Zwischenschnitte von Schlangen ein. Sie will ganz dem Glauben und Gott leben.

1774 wandert Anne Lee mit einer kleinen Gruppe von Anhängern nach Amerika aus, getrieben von Visionen. Ein Stück Land einige Tagreisen von New York entfernt wird urbar gemacht. Wie Abraham es nicht mehr aushält ohne Geschlechtsverkehr mit ihr, vergnügt er sich mit einer Jüngeren, Anlass für Anne, sich von ihm zu trennen. Sie geht mit William (Lews Pullman) zusammen, der ihren Ansprüchen genügt und der die ihrigen erfüllt.

Faszinierend an Anne Lee, und Amanda Seyfried stellt das überzeugend dar, ist diese unglaubliche Sturheit, sich nicht einen Millimeter von ihrem Ziel abbringen zu lassen, den eigenen Visionen zu folgen. Sie ist die anerkannte Mutter einer wachsenden Gemeinde.

Militärdienst lehnen die Shaker ab. Wenn der Staat sie verhaftet, leisten sie keine Gegenwehr. Sie erleben auch Gewalt von anderen Gruppierungen; wieso eigentlich, da sie doch keinem was antun?

Die Gemeinde ist strikt reglementiert. Verstöße gegen das Lustverbot werden umgehend und kompromisslos geahndet; die Betroffen verlassen sofort die Gemeinde. Es wird auch missioniert in der Umgebung.

Faszinierend ist, dass sich aus diesem Thema der Lustfeindlichkeit ein Musical machen lässt. Das hängt mit den ekstatischen, rhythmischen wilden Ausbrüchen in den Erweckungsmomente in der Gemeinde zusammen, wenn sie singen, sich dazu wild bewegen und unartikulierte Laute von sich geben. Die Tonspur lässt sich richtiggehend anfixen davon, treibt sich selbst zur musikalischen Ekstase.

Der ernsthaft Zugang zur Ikone ist ähnlich wie derjenige zu Mutter Teresa im Film Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten konzentriert auf den geistigen Weg unter Verzicht auf jegliches Verehrungsbrimborium.

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