Guerillafilmerei
Diese charmant-nostalgische Hommage an die Nouvelle Vague von Richard Linklater nach dem Drehbuch von Holly Gent, Vincent Palmo Jr. und Michèle Pétin könnte man auch als ein Votum des Regisseurs für die Guerillafilmerei sehen. Ob Godard da nun wirklich Pionier war oder nicht, sei dahingestellt.
Es ist vielleicht ein Kino-Impetus, wie er heute noch bei manchen Filmemachern vorhanden sein dürfte, wer weiß, vielleicht inspiriert durch die Nouvelle Vague oder vielleicht lassen sich künftige Filmemacher durch diesen Film dazu inspirieren.
Es geht um den ersten Langfilm „Außer Atem“ von Godard (Guillaume Marbeck), der vorher Filmkritiker bei den Cahiers du Cinéma war. Da alle anderen, Rohmer, Truffaut, Chabrol schon Filme gemacht hatten, wollte Godard nicht nachstehen.
Auffallen will er mit Authentizität. Das bedeutet, dass seine beiden Protagonisten Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin) und Jean Seberg (Zoey Deutch) kein Script erhalten. Vor der Kamera können sie irgendwelche Texte sagen, da Godard ohne O-Ton dreht und die Dialoge nachsynchronisiert. Deshalb hat Belomondo die Rolle überhaupt bekommen, weil er in einem Kurzfilm von Godard mitgespielt hat, dann aber nachsynchronisiert wurde, weil er zu der Zeit in Algerien war.
Zur Authentizität gehört auch, dass es keine Maske gibt, Pech für Maskenbildnerin Phuong (Jade Phan-Gia), die Jean Seberg eigens mitgebracht hat. Es gilt, maximal zwei Takes von einer Szene, sonst würden die Schauspieler in Routine erstarren. Gedreht wird ohne Drehgenehmigung mitten im Pariser Stadtleben und mit Handkamera.
Da braucht es mal den Einfall mit einem Postwagen, in den der mächtige Kameramann Raoul Coutard (Matthieu Penchinat) samt Kamera gesteckt und zugedeckt wird und durch ein Loch in der Wand drehen kann.
Es kommen die bekannten Namen samt vielen Unbekannten aus dem Umfeld der Nouvelle Vague vor, ein enormes Personaltableau, jede einzelne Figur kurz im Bild mit Namen vorgestellt.
Der Film wirft einen amüsiert wertschätzenden Blick hinter die Kulissen des Drehs eines Filmes, der trotz aller Widrigkeiten oder gerade deshalb den definitiven Durchbruch der Nouvelle Vague als auch von Jean-Luc Godard als Regisseur bedeutete.
Interessieren würde einen die Frage, was ist heute davon geblieben, was davon gehört inzwischen zur selbstverständlichen DNA des Filmemachens oder ist vieles davon nicht viel mehr, als eine wunderbare Geschichte über eine der aufregendsten Phasen der Kinogeschichte?
Der Film ist jedenfalls in schön nostalgischem Schwarz-Weiß gedreht und skizziert angenehm kurz die 20 Drehtage von Außer Atem. Einmal begegnet Godards Team demjenigen um Robert Bresson. Die drehen gerade dessen später berühmtes Werk „Pickpocket“; dass da schnell dem einen oder anderen Besucher etwas abhanden kommt, kann als weiterer, schmunzelnder Hinweis zum Thema Authentizität gesehen werden.
Worauf der Film überhaupt nicht eingeht, das ist die Kunst der Montage, in welcher Godard als rarer Meister gesehen werden kann.
Zur Nouvelle Vague, siehe auch Godard trifft Truffaut – Deux de la Vogue.