Chronos – Fluss der Zeit

Lyrik des Lebens

Lyrik der Memel, Lyrik von Sarmatien, Lyrik der Bukovina, Lyrik Ostpreussens, Lyrik Galiziens, der Uckermark und wo immer auch der Geist und der Körper und die Kamera von Volker Koepp (Ostpreussen – Entschwundene Welt, Seestück, In Sarmatien) sich umsehen, um die sein Denken und sein künstlerisches Schaffen kreist. Alles ist im Fluss, die Identität, die politischen Gefüge, sie rauschen im Laufe der Zeit wie Wetterphänomene über diese Gegenden.

Seit 1972 ist der Dokumentarist hier unterwegs. Er war aber auch in Afghanistan zur Zeit der russischen Besatzung, 1983. Und immer wieder begibt er sich in den Osten, trifft Protagonisten früherer Filme, zeigt Ausschnitte daraus.

Er ist auch unterwegs mit Ukrainerinnen, die in München, Augsburg, Berlin leben, in ihre vom Krieg so arg gebeutelte Heimat. Er hat ein Gespür für Menschen, die über ihr Leben, ihre Identität nachdenken. Weil sie so oft auch deswegen diskriminiert wurden, speziell die Juden. Da ist nicht um den Zweiten Weltkrieg und seine Grausamkeiten herumzukommen.

Volker Koepp triff Literaten, Dichterinnen oder begibt sich auf die Spuren von Paul Celan. Er verbindet seine Beobachtungen und Begegnungen, bei denen er nie nur Mäuschen spielt, sondern aktiv den Dialog mitbestimmt, einmal umarmt er sogar eine Protagonistin, die noch tief getroffen ist vom Überfall des russischen Massenmörders auf die Ukraine.

Seine Besuche erstrecken sich über die Jahrzehnte. Es wird politisiert, analysiert, aber es werden auch Gedichte vorgetragen. Er verwebt die Interviews mit Stadtansichten, mit Landschafts- und Flussbildern, Wolken, Meer. Alles ist ein Fluss.

Die Zeit verändert die Menschen, ihre Identität. Jemand wird im Laufe der Zeit zu jemand anderem, als man ihn/sie kennenlernte. Geschichtsvergessenheit ist ein Thema, Bildung und was ist die Differenz zu Propaganda?

Cernovice ist im neueren Material zum wichtigen Dreh- und Angelpunkt geworden mit Beziehungen zum Westen. Die Bukovina wird als die Heimat der Toleranz bezeichnet.

Der Film ist ein Blick in Werk und Leben von Volker Koepp, der über seine Herkunft preisgibt, woher sein Interesse gerade für diese großartige Region zwischen Europa und Russland stammt.

Nordstream, Neonazis, Antisemitismus, AfD werden angesprochen. Aber auch ein Programmkino namens Krokodil kommt vor. Ein Gruß an den ebenfalls heute startenden Film Kinoleben – Das Arsenal in Tübingen und weitere Programmkinos. Denn die Filme und Erkundungen von Volker Koepp, natürlich nicht nur von ihm, müssen gezeigt werden, sollen ein Publikum finden, das sich davon anregen und zum Nachdenken verleiten lässt. Der Film ist ein langer Fluss, der ruhig dahingleitet, den Zuschauer fordert, jedoch nicht überfordert, aber zu fesseln und anzuregen versteht.

Da der Blick des Filmes auf das Shooting gerichtet ist, sollte nicht außer Acht gelassen werden, welchen Anteil an den Filmen von Godard die Montage hatte.

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