Weihnachtsbaum in der Wüste
Das ist nicht neu, der „Weihnachtsbaum in der Wüste“, wie eine Dialogstelle von Uli Brée es in diesem Fernsehfilm von Dirk Kummer nennt.
Damit ist eine reifere Dame gemeint, die in einer Ehe lebt, in der sich, hier zumindest seit einem Jahr, nächtens nichts mehr tut, ja, Adele Neuhauser als Constanze Laux schläft in einem anderen Zimmer als ihr Gatte Ulrich Noethen als Anton Laux.
Die Dame möchte sich erstmals im Leben mit einem Call Boy, Ricardo (Manuel Rubey), bei einem diskreten Date in einem Hotel vergnügen. Das erste Mal geht daneben, genau so wie 2022 fabelhaft und vorbildlich zu sehen in Meine Stunden mit Leo.
So etwas kann das öffentlich-rechtliche Fernsehen aus Österreich und Bayern nicht schaffen, da fehlt es an allen Ecken und Enden. Da werden, vielleicht auch wegen der programmierten Dauer von knapp anderthalb Stunden, Verkürzungen nötig, die die Chose doch sehr ins Bauerntheaterhafte absacken lassen.
Dazu passt auch, dass das Ehepaar Laux zusammen einen respektablen Trachtenladen betreibt. Geschäftlich hat sich der vielleicht etwas gestörte Humor des TV-Drehbuchautors die Idee eines Einwegdirndls und einer genderneutralen Tracht einfallen lassen, die sich im Lauf des Filmes – etwas realitätsnäher – auf das Dirndl-to-Go verkürzt.
Das Fernsehen glaubt, mit einer Geschichte wie „Meine Stunden mit Leo“ sei die Story zu dünn. Da muss viel beigepackt werden, einiges mag man spoilern, anderes nicht.
Karin (Caroline Frank) ist die Sekretärin von Anton. Sie ist aber auch die beste Freundin von Constanze. Sie organisiert unauffällig das Hotelzimmer im nicht mehr ganz neu eröffneten Hotel Königshof am Stachus in München. Wissen wir, welche Deals hinter den Kulissen stattgefunden haben, damit die Produktion die Location erhält? Nein, wir wissen es nicht, und wenn niemand Kameras installiert hat, so werden wir es wohl auch nie erfahren.
Im Hotel selber ist nämlich, also im Film, eine Kamera im Zimmer installiert und die Erpressung mit dem Film von den Liebesakten zwischen Ricardo und Constanze folgt prompt.
Es wird noch komplizierter und da bleibt nur die verknappte Bauerntheaterlösung. Karin hat auch ein Verältnis zu Anton. Wie Constanze Ricardo in Lissabon treffen will, reist plötzlich ihr Mann mit.
Die Schauspieler spielen gut, allen voran Adele Neuhauser und Ulrich Noethen, das lässt über die enormen Schwächen des Drehbuches hinwegsehen; es sieht allerdings für die Figur des Anton eine Skrupellosigkeit vor, die man einem Ulrich Noethen einfach nicht abnimmt.
Nicht minder skrupellos verhält sich Karin, auch da ist die Figur vom Drehbuch her, und also den Texten, zu simpel gezeichnet, als dass man ihr die Handlungen, die ihr zugeschrieben werden, zutrauen würde.
Eine nette Idee, mindestens dekorativ, sind die gelegentlichen Tänze von Ricardo, so herrlich unbeholfen, dass er wirklich wie eine ehrliche Haut erscheint. Die Bewegungen erinnern an die Shaker-Bewegungen in „Das Testament der Anne Lee“, der demnächst in den Kinos startet.
Um eine falsche Fährte zu legen für den Erpressungsfall, hat das Drehbuch die Mutterfigur von Ricardo vorgesehen. Der Lisa Kreuzer, die sie spielt, würde man hingegen mehr zutrauen, als allen anderen. Sollte das so gewollt sein, so ist es nicht sonderlich originell. Adele Neuhauser ist der Wonnepfropfen dieses Fernsehproduktes, momentweise hat sie diesen Silberblick großer Leinwanddiven.
Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.