Coming of Age in Nordmazedonien
Welche Landschaft!
Dieses Dorf mitten im Tabakanbaugebiet und auf einer Art Grat gruppiert! Wie malerisch, wenn die Frauen in ihren bunten Kleidern Tabak pflücken, rot im Grün der Pflanzungen. Diese ländliche Siedlung mit den Sonnenkollektoren auf den Dächern!
Die Jugend kommuniziert über Tiktok oder Facebook. Welch filmreife Landschaft, die es zu pflücken gilt, solange sie noch so ursprünglich ist. Sie liegt, wenn man Lautsprecher auf Traktoren aufbaut und diese voll aufdreht, in Hörweite von Konce.
Hier erlebt Ahmet (Arif Jakup), ein Naturbursche wie heutzutage selten im Kino zu sehen, rotwangig, sonnengbräunt, mit lockigem Haar und klarem Blick, sein Coming-of-Age. Er lebt mit seinem kleinen Bruder Naim (Agush Agushev), dem Vater (Aksel Mehmet) und mit 20 Schafen zusammen. Die Mutter ist gestorben. Seither spricht Naim kein Wort mehr.
Vater scheint mit der Situation überfordert, man ist nicht reich, fährt zum Markt, verkauft Tabak. Ahmet soll besser die Schafe hüten als in die Schule zu gehen. Er träumt davon, DJ zu werden. Er hat in einem Schuppen zwei Verstärker versteckt und hört über das Handy Musik. Vater will die Dinger lieber verkaufen. Man ist nicht reich.
Ahmet streift oft im Wald, in der Natur umher. Er begegnet Aya (Dora Akan Zlatanova). Die ist aus besseren Verhältnissen. Ahmet ist ein unruhiger Geist. Eines Nachts treibt er seine Schafe durch eine Disko. Die Videoaufnahmen davon gehen viral. Er ist bekannt einerseits, andererseits gilt er als Spinner. Ein Träumer vielleicht. Ein junger Mann voller Gefühle und Ahnungen und intelligent dazu, aber in keiner Weise egoistisch oder auf den nächsten eigenen Vorteil versessen. Getrieben vom Coming-of-Age, das sich an nichts Äußerem orientiert.
Georgi M. Unkovski hat in seinem wunderbar frischen und von Kinoenthusiasmus getriebenen Film einen Chor der Frauen unter einem Baum auf der Skyline eines Hügelrückens aufgestellt, der ab und an das Geschehen aus der Ferne betrachtet und kommentiert.
Aya und ihre Freundinnen wollen einen Tanz für das Dorffest einüben. Eins fügt sich zum anderen. Ahmet amtiert als DJ für die Proben mit seinen zwei Lautsprechern, die er auf den Traktor montiert. Nach der nächtlichen Exkursion mit seinen Schafen fehlt eines.
Der Vater verdonnert Ahmet dazu, bis dieses wiederbeschafft ist, draußen bei den Schafen zu schlafen. Das verlorene Schaf wird innerhalb des Filmes wieder einen Auftritt haben, und was für einen.
Da fällt einem ein Ereignis aus jüngster Zeit aus Bayern ein, was in den Medien Furore gemacht hat: zweihundert Schafe, die einer Norma-Filiale einen Besuch abstatteten. Man lernt von Nordmazedonien.
Die Gegend ist islamisch geprägt. Der Muezzin ruft fünfmal täglich zum Gebet. Der Hodscha (Atila Klince) ist mit der modernen Tonband- und Computertechnik überfordert. Ahmet unterstützt ihn, lernt dabei selber die Technik und ihre Möglichkeiten kennen und wird diese originell und wirksam einsetzen, wie sich die dramatischen Entwicklungen zuspitzen.
Die tun das, wie Aya verheiratet werden soll mit Hakan (Metin Ibrahim), einem in sich selbst ruhenden Strahlemann von ziemlicher Naivität, wie es scheint. Aya und Ahmet lassen sich einiges (Filmerzählenswertes) einfallen, um dem Hochzeitsschicksal ein Schnippchen zu schlagen.
Ein anderer Strang der Geschichte sind die Versuche, Naim wieder zum Sprechen zu bringen. Der verzweifelte und bestimmt nicht allzu gebildete Vater, ein Dörfler eben aus Nordmazedonien, ein einfacher Tabakanbauer und Schafzüchter, verspricht sich Hilfe von einem Heiler (Nadzi Shaban). Dieser spricht von einem Fluch. Auch in dieser Hinsicht entwickeln sich die Dinge anders, als geplant und erwartet.
Der Film fasziniert mit einer einmalig schönen Landschaft, mit einer unverbrauchten Kinofrische und mit überzeugenden Darstellern und einer bannenden Geschichte. Er schildert heutiges Leben aus einer rückständigen Gegend, wie hier die Modernität Einzug hält und zu welchen Konflikten sie führt.