Gelbe Briefe

Totalitarismus-Kritik

Der Film von Ilker Catak (Das Lehrerzimmer, Es gilt das gesprochene Wort) der mit Ayda Meryem Catak und Enis Köstepen auch das Drehbuch geschrieben hat, ist eine schmerzhafte Kritik an den politischen Zuständen in der Türkei, an der Unterdrückung von künstlerischer und Meinungsfreiheit, staatlicher Repression und Willkür.

Die erlebt das Künsterehepaar Aziz (Tansu Bicer) und Derya (Özgü Namal) auf brutale Weise. Sie betreiben ein Privattheater in Ankara. Sie haben eben Premiere mit dem neuen Stück von Aziz mit Derya in der Hauptrolle; ein voller Erfolg und auf Tage hinaus ausverkauft.

Es kommt nicht zur zweiten Vorstellung. Behördlicherseits wird durchgesetzt, dass stattdessen ein anderes Stück, den Ensemblemitgliedern kann dessen Nennung nur ein verächtliches Lächeln abgewinnen, wieder in den Spielplan aufgenommen wird.

Aziz und Derya sind fristlos gekündigt. Das Ehepaar gibt seine Wohnung in Ankara auf, da kein Einkommen mehr vorhanden ist, und zieht mit Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) zur Mutter von Aziz nach Istanbul.

Aziz arbeitet als Taxifahrer. Dabei kommt er am Privattheater seines Kollegen Baran (Aziz Capkurt) vorbei, ein Wiedersehen. Aziz schreibt an einem neuen Stück, das „Gelbe Briefe“ heißen soll und die eigene Erfahrung verarbeitet.

Es gibt Einblicke in die Proben. Seine Frau spielt mit. Es ist eine Probe zu sehen, bei der es um eine Sicherheitsschleuse gibt. Bei Derya, piepst es immer und so wird das Thema virulent, wie weit sie sich ausziehen soll.

In Ankara wartet ein Gerichtsprozess wegen Beleidigung des Staates oder irgend sowas auf Aziz. Da fährt er mit seiner Frau hin. So wird der Film ein Stück Justizdrama in einem Unrechtsstaat.

Derya erinnert sich in Istanbul an eine Casterin, die ihr nach einer Aufführung in Ankara ihre Karte gegeben hat. Sie wird zu einem Casting für eine Fernsehserie eingeladen.

Ilker Catak erzählt seine Geschichte in der Art eines nüchternen Protokolles; es sind die Dialoge, die die Handlung vorwärtstreiben oder die Handelnden in eine Zwickmühle manövrieren; der Hauptspagat dabei ist derjenige zwischen Kunst/Geld und Widerstand/Anpasserei an das Regime.

Eine besondere Note und für unseinen doch seltsam anzufühlen, verleiht der Regisseur dem Film, indem er ganz klar Ankara in Berlin spielen lässt, das wird auch mit Texten kenntlich gemacht und Istanbul in Hamburg.

Da wird einem schon bewusst, welche Freiheiten wir hier noch genießen, gerad auch hinsichtlich modisch gewordener Äußerungen, man dürfe hier bei uns nicht mehr sagen, was man denke. Sollen die mal in die Türkei fahren.

Besetzt hat Ilker Catak die Hauptrollen mit türkischen Schauspielern aus der Türkei; sind dort bekannte Stars, Dery, also Özgü Namal, so wurde mir zugetragen, spiele dort just in der Art Daily Soap, wofür sie hier im Film gecastet wird, und das beherrscht sie perfekt.

Einmal ist uns noch der Name ‚Gotthelf‘ in Stein gemeißelt über einem Tor ins Auge gesprungen; damit dürfte wohl weniger auf den Schweizer Dichter Jeremias Gotthelf angespielt sein, als auf die Absicht des türkischen Diktators, hier in Deutschland dürfen wir uns erlauben, ihn so zu nennen bei all den Verbrechen gegen die Meinungsfreiheit und Demokratie, die er begangen hat und weiter begeht, aus der Türkei längerfristig einen religiösen Staat zu machen, konträr zum Staatsgründer Atatürk.

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