Verstaubt und anpasserisch
Nach der Pressevorführung in München waren die Kritiker, so weit vernehmbar, unisono begeistert von dem Film von Josh Safdie, der mit Ronald Bronstein auch das Drehbuch geschrieben hat, mit Thimothée Chalamet in der Hauptrolle des amerikanischen Tischtennisspielers Marty Mauser.
Stefe wird hier darlegen, weshalb er anderer Meinung ist und womit das zusammenhängt.
Ok, stefe mag eine gewisse Allergie gegen Tischtennis-Filme haben (Ping Pong Paradise). Das ist es aber nicht. Es war eine fette Zeile in den Anfangscredits, die ihn auf diese etwas andere Perspektive lotste: Timothée Chalamet steht da groß als einer der Produzenten des Filmes.
Produzenten bestimmen mit, so die Annahme von stefe, und wenn ein Weltstar von Schauspieler, der Thimothée Chalamet inzwischen ist, sich auch als Produzent einbringt, so wird es ihm darum gehen, für sich eine besonders gute Rolle zu erhaschen, womöglich eine, in der er sich anders präsentiert als bisher oder mit einer Rolle, mit welcher er endlich sich einen Oscar verdienen kann. Dieser Verdacht hat sich im Laufe des Nachdenkens über den Film massiv erhärtet.
Der Star hat sich für Josh Safdie als Regisseur entschieden. Der arbeitet wie in Good Time. Damit outet sich Chalamet für stefe als – fast wäre er versucht zu sagen: exzentrische DramaQueen, als einer der das Drama und das Dramatische liebt, der das Gefühl hat, die Musik muss immer auf dem lautesten Level spielen, damit die Bedeutsamkeit von Szenen – und damit jene des Actors – auch richtig zur Geltung kommt. Als möchte er in alle Welt hinausschreien, Leute, merkt ihr nicht, was für ein toller Hecht, was für ein unersetzlicher Schauspieler ich bin! (Ganz scheint dem nicht so zu sein; gerade diese Rolle scheint doch recht austauschbar gestaltet).
Nicht nur das, es ist ein Starkino der abgestandenen Sorte: kein Schauspieler, ja auch keine Schauspielerin, darf an Schönheit, an Attraktivität dem Star irgendwas wegnehmen. Als Bruder (oder Cousin?) Dion (Luke Manley) muss ein ganz Dicker her, als ein Buddy einer mit einer extrem auffälligen Nase.
Auch Konkurrent Kletzki (Géza Röhrig) ist ein Typ, der Marty in keiner Weise die Show stehlen könnte, schon gar nicht der japanische Herausforderer Koto Endo (Koto Kawaguchi). Und auch Rachel (Odessa A’zion) ist für den auf jungen, smarten Hirsch drapierten Protagonisten – und wie knuddelig er erst mit Brille ausschaut! – kein Blickstehler und auch nicht sein Onkel, ein aus der Form gegangener Typ.
Mauser ist ein begabter Tischtennis-Spieler und vor allem ein absolut von sich selbst überzeugter Typ. Er steckt meist in finanziellen Schwierigkeiten und verspricht jedem, er würde Geld zurückzahlen, sobald er in London die Tischtennis-WM gewonnen habe. Nach London zu fliegen kostet Geld. Er arbeitet als Schuhverkäufer für seinen Onkel.
Im Zuge des Zwanges zur Geldbeschaffung betätigt er sich als Kleinkrimineller. Davon wimmelt das amerikanische Kino, ist keine Neuerfindung. Mauser ist dreist im Anbaggern von Leuten. Auch das ist ziemlich abgelutscht. Er macht sich an die Gattin eines Stiftfabrikanten ran, logiert sich in einer Luxussuite ein. Ach, das ist alles so abgestanden, so wie es hier mit Schielen auf den Applaus der Oscar-Jury vorgetragen wird.
Der Film widmet viel Zeit den kleinkriminellen Aktivitäten in New York, mit denen Mauser den Flug zur Meisterschaft in Tokio finanzieren will. Ein weiterer Strang ist Rachel und ihre Schwangerschaft. Mauser behauptet steif und fest, er hätte rechtzeitig einen Rückzieher gemacht, er könne nicht der Vater sein.
Ein weiteres Element ist das Judentum. Auch dieses wird in hollywoodgängiger Manier eingesetzt.
Der nächste Strang ist die Beziehung zum Stiftfabrikanten und ein Deal mit diesem über einen getürkten Werbeauftritt in Tokio gegen den Weltmeister.
Vielleicht wollen hier ein paar Leute auf Nummer sicher gehen und nur Kinoelemente verwenden, die schon mal erfolgreich waren. Am Schluss, wie eine Verbeugung vor der Oscar-Jury, darf Chalamet noch einen rührend tränenreichen Vati-Auftritt hinlegen; wenn das nicht der entscheidende Kick für die Oscar-Jury ist, dann wissen wir auch nicht mehr, wo Rom steht. Mit sowas ist allerdings kein Neuland zu gewinnen und ein heutiges Publikum, was sich direkt angesprochen fühlen möchte, erst recht nicht. Vielleicht reichts aber für einen Oscar als Staubfänger.