Schnöde, familiäre Bruchlinien
Entlang solcher fächert Jim Jarmusch in drei Episoden gediegen nostalgisch seine Materialismuskritik auf.
Alles hängt am Materiellen. Alles bricht am Materiellen. Das Materielle bestimmt das Leben von Familien und zerstört es. Materiell kann auch ein Flugunfall sein. Immer ist das Materielle eines der wichtigen Dialogelemente.
Ob der Papa (Tom Waits) eine Rolex trägt, er meint, es sei eine chinesische Fälschung; später ist die Tochter (Mayim Bialik) überzeugt, dass es eine richtige sei. Der Papa lässt sich wirtschaftlich vom Sohn Jeff (Adam Driver) finanziell über Wasser halten. Dieser schiebt ständig Kohle nach. Er hat im Beruf eine Beförderung erlebt.
Mutter (Charlotte Rampling) lädt einmal pro Jahr ihre zwei Töchter Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps) zum Tee. Wichtig ist das Porzellan, die aufgeräumte Wohnung. Der materiell überzeugende Blumenstrauß steht sichtverdeckend auf dem Tisch. Daraus macht Jim Jarmusch ein Vexierspiel.
Lilith behauptet, sie habe einen Lexus, lässt sich aber von ihrer Lebenspartnerin als Uber-Fahrerin chauffieren. Materielastig auch das Rot in den Kleidungen der drei Damen und eine ad hoc Diskussion wert.
Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) sind damit beschäftigt, die materielle Hinterlassenschaft ihrer tödlich verunfallten Eltern wegzuschaffen. Billy hat das Zeugs bereits in einer Garage untergestellt. Die beiden besichtigen die großzügige, leere Wohnung. Die Vermieterin, Madame Gautier (Francoise Lebrun), drückt ein Auge zu und gibt zu verstehen, dass vor Beschlagnahmung der Dinge wegen fehlender Mietzahlung, sie Billy erlaubt habe, dieses Materielle wegzuschaffen.
Materiall bedingt auch der Trick mit dem Bussenzettel, der beim Parken vorbeugend unter die Autoscheibe geklemmt wird. Sanft ist in dieser Episode der Postcovidhinweis.
Die drei Episoden spielen in drei verschiedenen Ländern. Die Vater-Episode (die mit Tom Waits) spielt in den USA. Die Mutter-Episode (die mit Charlotte Rempling) in Dublin und die Kinderepisode mit den Zwillingen Billy und Skye in Paris.
Hier mag wiederum das Materielle eine Rolle spielen, weil Film Geld braucht und man mehr Geld zusammenbringt, wenn in verschiedenen Ländern gedreht wird.
Nostalgisch wirkt der Film auch wegen seinem Faible für Skater. In jeder Episode kommen sie vor. Die Kamera ist fasziniert, schaltet auf Zeitlupe. Nostalgisch mag auch die Behandlung von Kulturmaterialen anmuten, die Behandlung und das Zitieren von Büchern, das Abspielen einer Kassette.
Gediegen wirkt der Film, weil Jim Jarmusch sich die feinsten Schauspieler aussucht und pfleglich mit ihnen umgeht. Verträumt (nostalgisch?) mag der Film noch sein mit den verschwimmenden Farb- und Formzwischenimpressionen.
Es sind gänzlich andere menschliche Verhältnisse, die dominierend durch das Materielle geprägt sind im Gegensatz beispielsweise zum skandinavischen Sentimental Value, in dem Transgenerationen-Traumata auf den Familienmitgliedern lasten. Durch die Betonung des Materiellen und dessen genaue Beschreibung, beispielsweise der Geschenke, die Jeffe seinem Vater mitbringt oder die Freude an dessen Drehschaukelstuhl mit Blick zum See, entsteht der Eindruck einer leicht schrägen (vielleicht unbewussten?) Satireschlagseite.
Die kleine Welt des Jim Jarmusch als liebevolles Abbild einer Spießerwelt.