Scarlet

Fantasievoll fantastische Behandlung des Rachethemas

Es ist faszinierend zu sehen, wie unbefangen eklektisch Mamoru Hosoda, der mit Todd Haberkorn auch das Drehbuch geschrieben hat, bei kulturellen Topoi vor allem abendländischer Provenienz sich bedient, um in einer bestechend schönen Animation das Thema der Rache zu behandeln und dabei noch eine Liebesgeschichte einzubauen und das grundsätzliche Thema, was es heiße, ein Mensch zu sein, zu ventilieren.

Ausgangspunkt ist der Hamlet von Shakespeare, wird aber Amleth geschrieben, man ist so frei. Und Hamlet selbst ist hier der rechtmäßige König von Dänemark, residiert, korrekt, in Helsingör. Er wird aber von seinem Bruder Claudius des Verrates bezichtigt, getötet und der Usurpator besteigt den Thron.

Inhaltlich verkörpert die Hamletfigur die Tochter von Amleth, Scarlet. Ein Name, der wieder einen vollkommen anderen Assoziationsbereich abdeckt. Sie ist die Heldin. Sie will Rache üben am Tod ihres Vaters. Dumm nur, dass sie bereits der Welt der Lebend-Toten angehört, wer immer auch will, darf hierbei an Zombie-Zwischenreiche denken.

Scarlet landet im Bereich der Welten von Dantes „Göttlicher Komödie“. Hier heißen sie nicht Paradies, Purgatorio und Inferno. Das Paradies wird in der deutschen Untertitelung als „nimmerendendes Land“ bezeichnet. Scarlet landet in der Zwischenwelt, die dem Purgatorio, unserem Fegefeuer, entspricht. Hier trifft sie auf einen Sanitäter, mit dem sie die endlosen Weiten dieser Zwischenwelt durchstreift auf der Suche nach ihrem Vater und immer getrieben vom Rachegedanken.

Scarlet hat Kämpfe gegen Banditen zu bestehen und gegen die Hofschranzen von Helsingör, Ritterkämpfe, Schwertkämpfe und Mann gegen Frau. Sie trifft auf Karawanen, findet Gastfreundschaft in einer Oase. Sie kommt an Ruinenlandschaften vorbei, die an Ruinen aus dem Altertum erinnern, inspiriert möglicherweise von Orten wie Baalbek und Palmyra.

Die christlichen Themen von Vergebung, Reue und Versöhnung finden Eingang in die Geschichte. Traumhaft steigt Scarlet die Himmelsleiter hinan. Es ist ein Film, der sich wundert darüber, warum die Menschen nicht in Frieden leben können, warum sie immer wieder Kriege führen. Es ist ein Film, der von einer Einheit der Dinge ausgeht, von einem Tiegel, in dem die Zeit verschmelzt, der nicht versteht, warum der Hass bei manchen Menschen so groß sein kann, dass er bis in den Tod fortwirkt. Stattdessen sollten die Menschen doch von der Liebe erzählen, wie der Abspannssong meint.

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