Sog des Überlebens
Eine atemlose Handkamera begleitet, verfolgt Souleymane Sangaré (Abou Sangare) bei seinem Überlebenskampf in den Straßen von Paris, im Kampf darum, den Bus zur Obdachlosenunterkunft am Abend noch zu erreichen.
Es ist der Kampf eines Fahrradkuriers mit dem Kampf um die Aufträge, die schnelle Lieferung, die Bezahlung. Ein Kampf um Geld, das ihm zusteht, um Geld, das er schuldet. Zu Hause in Guinea leidet eine kranke Mutter und eine Geliebte hofft, dass er sie bald nachholt. Souleyman steckt noch im Asylverfahren.
Dramaturgisches Ziel des Filmes von Boris Lojkine, der mit Delphine Agut auch das Drehbuch geschrieben hat, ist die Anhörung. Barry (Alpha Oumar Sow) trainiert die Kandidaten, gegen Geld, versteht sich, und, gegen Geld sowieso, stattet er sie mit falschen Dokumenten für falsche Geschichten aus. Barry ist Spezialist für solche Geschichten, weiß, was die Behörden hören wollen.
Nebst all dem Überlebensstress soll Souleymane sich also auch noch eine erfundene Geschichte über sein schweres Schicksal als von der Polizei verprügeltem und ins Gefängnis gestecktem Gewerkschafter einprägen.
Wer keine Spoiler mag, sollte jetzt nicht weiterlesen, denn der Film verwandelt sich mit der Anhörung. Hier sind wir in ruhigem Staatswasser, in einem ruhigen Zimmer mit einer verständigen und verständnisvollen Beamtin (Nina Meurisse), die das Tonband anstellt, den Antragsteller auf die Verfahrensweise hinweist und versucht, auf der Schreibmaschine, seine Aussage mitzutippen. Mit Abou Sangare hat der Film einen faszinierenden Protagonisten, der ihn charmant spielend trägt.