Das Schreiben
ist Lebenselixir, lässt die Welt in Farben leuchten, bewahrt den Menschen vor Verwahrlosung. Das scheint der Film von Nicolas Steiner nach dem Drehbuch von Bettina Gundermann und Pascal Nothdurft erzählen zu wollen.
Hugo ist als junger Mann (Nikolai Gemel) in eine hübsche Frau verliebt. Er schreibt Gedichte. Sie will sie veröffentlichen. Die Liebe bricht. Hugo schreibt nicht mehr. Er verkommt über die Jahre, wird Alkoholiker, ein Messi, „das Amt“ muss sich um ihn kümmern.
Diesen alten, verkommenen Mann spielt Karl Markovics. Er lebt in einer „Dreckslochsiedlung“, wie er zum Fenster hinausschreit. Der Film bietet dazu ein Architekturbrevier an Bildern von Beispielen; der Architekturkritiker der SZ könnte sie nach dem Merkmal der Scheußlichkeit ausgewählt haben.
Allein diese bildlichen Einsprengsel zeigen die enorme photographische Ambition des Filmes. Und zwar in Schwarz-Weiß und in pikanten Perspektiven. Wie überhaupt der Altersteil von Hugo in Schwarz-Weiß gedreht ist.
Der Amtsleiter (Lars Eidinger) schickt dem Klienten die Sozialarbeiterin Lena Jakobi (Luna Wedler, die hier einen Schnellsprechtest ablegt). Sie ist Schreibtherapeutin. Sie soll Hugo über das Schreiben resozialisieren. Er ist schwierig für das Amt. Wenn die Beamten kommen, wirft er Ballons gefüllt mit seinem Urin auf sie runter.
Die Ausstattungsabteilung hat ganze Arbeit geleistet mit dem Auffüllen seiner Wohnung mit leeren Flaschen (das wird nur noch getoppt in der neuen Verfilmung von Wuthering Heights beim verkommenen Earnshaw!); es ist kaum ein Durchkommen mehr. Lena bringt tatsächlich Hugo wieder zum Schreiben. Auch da lässt sich die Kamera mehr Einstellungen zur Darstellung des Schreibmaschinenvorganges einfallen, als es Tasten gibt.
Das war überhaupt der erste Eindruck vom Film, dass er offenbar panische Angst davor hat, nicht aufzufallen. Der zweite Eindruck bestätigte diesen, denn was er zu erzählen hat, scheint recht dünn; dass Schreiben ein Elixir sein kann, Farbe ins Leben bringt, aber auch, dass es einen in den Wahnsinn treiben kann.
Dieses Storydefizit wird nicht wettgemacht durch karikaturhafte Darstellung und Inszenierung; es gibt Momente, da denkt man an Schweizer Theatermenschen wie Christoph Marthaler oder Ruedi Häusermann, die sich auf den Bühnen in Skurrilitäten des Alltags und des Beamtischen austobten; hier wirkt es schnell wie Skurrilität um der Skurrilität willen, also maniriert, besonders wenn das als solches auf der Tonspur noch entsprechend kommentiert wird.
Diese Überskurrilität erscheint mir wie eine vorbeugende Schutzmaßnahme gegen den Vorwurf der Inhaltsleere oder der „infamen Sinnlosigkeit“, die Hugo in die Siedlung hinauskrakeelt. Immerhin hat hier im Gegensatz zum aktuellen Trend im Kino, das Kotzen eine Folgegeschichte. Der Papierkorb, in den Lena sich erbricht und den sie mitnimmt, der wird immer wieder vom Amtsleiter angemahnt, als wolle er an diesen Vorgang von Antiperistaltik erinnern oder gemahnen (als Hinweis auf das Inhaltsproblem?)