Made in EU

Covid und Hexenjagd

Das sieht man mal, wie lange Filme brauchen, bis aus einer Idee ein Film wird, der ins Kino kommt. Während unsereins die Epidemie schon tief im Gedächtnis vergraben hat, drängen besonders seit letztem Jahre jede Menge Filme ins Kino, die freiwillig oder meist eher unfreiwillig, mit dem auffälligsten Covid-Merkmal daran erinnern, mit den Masken.

Eddington war vor einigen Wochen so ein Film, der den Eindruck erweckt hat, dass das Covid-Thema ursprünglich womöglich noch nicht da war, das dann aber fett ausgebeutet und ausgebreitet worden ist mit dem Maskenverweigerer von Dorfpolizisten, den Joaquin Phoenix spielt.

Hier beim neuesten Film von Stephan Komandarev, der mit Simeon Ventsislavov auch das Drehbuch geschrieben hat, liegt man vielleicht nicht falsch mit der Annahme, ihm hätte Covid eine willkommene Gelegenheit geboten für ein Kapitalismus- und Korruptions-Bashing, wie sie sich im neuen, im EU-Bulgarien breit machen.

Der Film spielt in einem Städtchen, das bislang vom Bergbau gelebt hat. Sonst gibt es dort nichts. Der Unternehmer Mancini (Francesco Frattini) spielt sich als Wohltäter im Ort auf, indem er eine Kleiderfabrik betreibt und somit auch den Frauen als Näherinnen im Akkord eine Verdienstmöglichkeit bietet. Er ist ein reiner Aussaugerkapitalist, statt acht Stunden müssen sie zehn arbeiten. Ein Teil des Lohnes wird als Bonus ausbezahlt. Wenn eine Frau einmal krank ist, wird ihr der Bonus abgezogen. Der Betriebsarzt darf niemanden krank schreiben. Die Seuche kommt auf, ist aber noch kein Thema.

Iva (Gergana Pletnyova) ist eine der Näherinnen. Sie lebt mit ihrem Sohn Misho (Ivan Barnev) in einer bescheidenen Wohnung. Der ist Youtuber und möchte so schnell wie möglich mit seiner Freundin nach Deutschland abhauen, „raus aus dem Loch“. Ivas Mann ist bei einem Grubenunglück ums Leben gekommen. Ihr Bruder (Gerasim Georgiev) hat überlebt und ist nun Aufseher in der Näherei.

Iva ist krank. Sie hat Fieber. Wie alle anderen Arbeiterinnen nimmt sie Tabletten, um den Fiebertest, der am Eingang gemacht wird, zu überstehen. Sie ist die erste, die bei der Arbeit zusammenbricht und die erste, bei der Covid diagnostiziert wird. Im Krankenhaus trifft sie auf den verständnisvollen Arzt Dr. Rasev (Ivaylo Hristov). Der arbeitet, weil es so viel zu tun gibt, obwohl er längst das Rentenalter erreicht hat.

Diese Ausgangslage benutzt Stephan Komandarev, um in der Art einer schnörkellosen Storyboard-Erzählung in einfachen Bildern und mit ruhiger Kamera, die die Szenen betrachtet, ein spannendes Bilderbuch aufzufächern. Er verzichtet auf Tonmätzchen, indem er praktisch nur mit dem O-Ton arbeitet, so scheint es auf jeden Fall. Einzig das Rattern der Seilbahn der Mine gibt zwischen den Kapiteln einen unerbittlichen, kapitalistischen Takt vor. Das Bildformat ist rechteckig, aber nicht breit.

Die sich in Gang setzenden Ereignisse durch die Bekanntwerdung von Iva als erstem Covid-Fall sind dramatisch; es ist ein Kampf zwischen Wahrheit und Vorurteil und artet zu einem Mobbing wie einer Hexenjagd aus; sie werden in ihrer Dramatik verstärkt durch die vorherrschende Korruption. Aber es gibt auch Hoffnung: auf Youtube muss man ja nicht nur Belanglosigkeiten verbreiten, das zumindest rät der Arzt Misho.

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