Symptom oder Einzelfall?
Campione d‘ Italia ist eine italienische Exklave mitten am Schweizer Ufer des milden Luganer Sees.
Es ist ein Ort mit der Monokultur einer Spielbank. Diese hatte ihr Blütezeit in den 60ern des letzten Jahrhunderts und machte das kleine Dorf zu einer Art mondänem Klein-Monaco.
Mit dem Aufkommen des Internets verlagern viele Spieler ihr Interesse dorthin. 2018 macht die Bank dicht. Damit kommen schwierige Zeiten auf das Dorf zu, die mit Covid noch erhöht werden.
Der Film von Anton von Bredow und Michele Cirigliano, mit italienischer sowie Schweizer Fernsehbeteiligung und vielfältigen Förderanteilen aus der Schweiz, hat sich im Dorf umgehört. Er hat Welterklärer und Weltverbesserer gefunden, diese durchaus im positiven Sinne, wie den arbeitslosen Gärtner mit seiner Ziege, der sich um den Blumenschmuck im öffentlichen Raum kümmert.
Es sind Menschen, die hautnah Blüte und Niedergang der Institution und damit des Ortes miterlebt haben. Es ist also nicht eine Dokumentation, die sich faktenfaktisch gibt, sondern die dem Subjektiven nachspürt und so ein treffliches Stimmungsbild einfängt.
Der Film findet Belege für den Niedergang der Ortschaft, erwähnt, dass die Leute abwandern. Als Schnittfutter fügt er Bilder von einer Miniaturlandschaft mit Eisen- und Seilbahnen, mit Bergen, Wiesen und Wasserfällen ein.
Man fragt sich, kann es so auch einem Land wie Deutschland ergehen, dessen überbordender Wohlstand so stark von der Auto-, dann noch von der Maschinenbauindustrie geprägt war und die jetzt schwächeln und von billiger Konkurrenz überholt zu werden droht? Die ersten Signale in Kommunen gibt es bereits. München muss sparen, München, die stolze, barocke. Also kann es nicht schaden, sich mit Orten zu beschäftigen, die den Niedergang schon hinter sich haben.
Die Einwohner von Campione haben sich auf die Hinterbeine gestellt. Ein Casino in kleinerem Rahmen wird wohl noch zur Covid-Zeit, die Galagäste tragen alle Masken, eröffnet.
Ein eigenes Thema wäre die Architektur nicht des Glücks, wie der Titel sagt, sondern des Baus, der das Spieler- und vor allem das Casinoglück ermöglichen soll. Es fällt das Wort faschistische Architektur und man ist geneigt, bei der enormen Klotzigkeit nicht zu widersprechen.
Es ist auch einer der Filme, die einmal mehr vom enorm langen Wege bis ins Kino erzählen: die offenbar neuesten Aufnahmen sind die der Wiedereröffnung mit den Masken, 2022. Der Architekturklotz scheint von Mario Botta zu stammen.