Henriette & Guido – Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Mit Ecken und Kanten

Sie schaut ernsthaft, entschlossen, eigenwillig, nachdenklich, ihre Miene lässt auf einen starken Charakter schließen. Mit ihr ist bestimmt nicht gut Kirschen essen. Nicht nur das, Gewalt kann unvermittelt aus ihr ausbrechen, Verkehrsregeln interessieren sie nicht und einer Zivilstreife der Polizei zeigt sie schnell mal den Stinkefinger, weil sie sich beleidigt fühlt.

Ein Mensch, den unsere Gesellschaft am liebsten mit Medikamenten ruhigstellen und als Problemfall ausschalten möchte. Nicht ganz so mit Henriette. Medikamente muss sie zwar nehmen. Sie kann scharf argumentieren, wenn es um Regeln geht. Regeln sollen für alle gelten, auch für die Polizei. Das kann sie nicht akzeptieren, dass diese und Feuerwehr und Krankenwagen Ausnahmen seien. Da ist sie scharfzüngig und schnell.

Henriette hat viel Zeit ihres Lebens in Krankenhäusern verbracht, oft auch sediert und gefesselt; die meiste übrige Zeit zuhause. Sie hat das Glück gehabt, Guido kennenzulernen, einen herzensguten Menschen, der sie liebt, mit dem sie zusammenlebt und der Geduld genug hat, die Komplikationen, die sie im gesellschaftlichen Ablauf verursacht, auszuhalten, auch auszubaden.

Stella Tinbergen hat dieses ungewöhnliche Paar ausfindig gemacht und sie überzeugen können, die Protagonisten für ihren Dokumentarfilm zu sein. Das scheint Henriette sogar insgeheim gefallen zu haben, wie eine Bemerkung ganz am Ende des Filmes zu verstehen gibt; sie scheint sich also durchaus der Kamerasituation bewusst zu sein. Sie spielt sehr gut.

Es ist eine begleitende Dokumentation, die ab und an auch Fragen stellt oder einmal wird die Person hinter der Kamera von Henriette angefaucht, weil sie nicht genau weiß, in welche Richtung gehen; auch da zeigt sie Bewusstsein für die filmische Konstellation.

Es ist wie bei dieser Art von Dokumentation so oft, manche Leute aus dem Lebensbereich der Protagonisten zeigen Bereitschaft, mitzumachen, andere nicht; manche verstehen, sich besser zu präsentieren, haben gar ein Interesse daran. So bilden sich naturgemäß Schwergewichte. Das sind überwiegend Figuren aus dem Henriette-Umfeld: die Mutter, eine Tanzpädagogin, Vertreter eines Behindertenparcours, einer Polizeidienststelle und ein Sonderschullehrer.

Henriette stammt aus einer deutschen Intellektuellenfamilie. Ihre Handicaps sind Gehirnschädigungen und eine längere Phase, in der sie von der Mutter als Säugling gleich nach der Geburt getrennt war. Als Folge davon hat die Mutter, wie sie selber sagt, eine Verwöhnungserziehung angewandt.

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