Hamnet

Sein oder Nichtsein,

das ist vielleicht eine der berühmtesten Fragen aus dem Theaterkosmos und dieser Film von Chloé Zaho (Nomadland), die mit Maggie O`Farrell auch das Drehbuch geschrieben hat, zeigt, wie intim Kino und Theater doch miteinander verwandt sind, wie elementar; man möchte nicht wissen, was Shakespeare für Filme gemacht hätte, wenn es das Medium zu seiner Zeit schon gegeben hätte.

Das haben andere besorgt, es dürfte Dutzende, wenn nicht Hunderte, gar Tausende von Filmen geben, die ein Stück DNA von Shakespeare in sich tragen. Das wäre mal eine Untersuchung wert, wer die einflussreichsten Theaterautoren fürs Kino sind.

Der Film ist eine Augenweide, weil er sich von den Bildern her an der Malerei des Barock orientiert; exzellente Gemäldehaftigkeit mit großer Meisterschaft in Szene gesetzt.

Der Film entwirft eine Herleitung, wie es zum Hamletstück und zum berühmten Monolog gekommen sein könnte. Historisch ist wenig bekannt über die Figur von William Shakespeare, es sei sogar strittig, ob es ihn überhaupt gegeben hat.

Insofern bietet dieser Autor Raum, Geschichten über sein Leben zu erfinden und zu erzählen, das noch mit großartigen Schauspielern. Allen voran Paul Mescal als Will und Jessie Buckley als Agnes. Es sind Menschen mit Tiefen und Hintergründen, wenn diese auch nur knapp angedeutet werden.

Sie lernen sich in einem Kaff in England kennen. Er ist dort Lateinlehrer, sie ist schlecht bescholten wegen ihrer Mutter und der Oma und den weiteren Vorfahren; sie werden in Zusammenhang mit Waldhexen gebracht.

Der Film stellt sie in wilder Natur vor, wie sie ihren Falken fliegen lässt, auch das eine Sonderheit. Will sieht sie durch das Schulzimmerfenster, ist fasziniert. Es dauert nicht lange, hat er ihr ein Kind gemacht. Vorhersehbare Komplikationen mit seinem gewalttätigen Vater wegen der Heirat.

Ihr erstes Kind bringt Agnes in freier Natur zur Welt, allein. Es sind atemberaubende Bilder, dieser Wald, der alles umfängt, der mit Höhlen und Nischen einerseits eine unendliche Geborgenheit, andereseits Abgründigkeit, Unergründlichkeit signalisiert.

Bruder Bartholome (Joe Alwyn) rät Will, den das Provinzleben an den Rand der Verzweiflung und zum Alkohol treibt, nach London zu gehen. Die Theaterkarriere dort bleibt im Film vorerst außen vor, wird mal mit einem Satz erwähnt.

Der Film sucht wie kürzlich Die Bonnards: Malen und Lieben den privaten Zugang zur Kunst. Nach ein paar Jahren bekommt die Familie erneut Nachwuchs. Diesmal passiert es zuhause, es sind Zwillinge, ein Mädchen und ein Junge. Dieser ist eine schwere Geburt, im ersten Moment erscheint der Junge eine Totgeburt.

Vater ist selten zuhause, ist mit seinem Theater beschäftigt. Er will die Familie nach London holen. Die schwache Gesundheit von Töchterchen Judith lässt einen Umzug in die stark belastete Luft der Großstadt nicht ratsam erscheinen.

Es kommt Stratford upon Avon ins Gespräch. Hier besorgt Will ein großes Haus. Es wütet zur Zeit die Pest. Sie rafft eines der Kinder dahin.

Wie Shakespeare das verarbeitet zeigt der Film in anrührenden Szenen anhand der Premiere von ‚Hamlet‘ im Globe Theater.

Hierbei denkt man unwillkürlich an Samuel Pepys, der bei vielen von Shakespears Premieren anwesend war und vergnüglich zu lesen bis heute die Gesellschaft, die Stimmungen und die Stücke trefflich beschrieben hat.

Eine von vielen Szenen zum besonderen Genuss: wie Will Agnes die Geschichte von Orpheus und Eurydike beschreibt. Der Sound weist eindrucksvoll auf Tiefe, Gehalt und Abgründigkeit der Geschichte hin.

Eine anderen Hintertüren-Zugang zu Shakespeare zeigt der Film The Lost King.

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