Herzstillstandkino
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eine palästinensische Replik zum Tagebuch der Anne Frank
Anne Frank steckte als Mädchen in einer tödlichen Falle und hat in dieser Zeit ein Tagebuch geschrieben. Das Mädchen Hind Rajab steckt am 24. Januar 2024 in Gaza in einer tödlichen Falle. Sie hat in ein Handy gesprochen.
Die Handygespräche zwischen Hind und den machtlosen Rettern in Ramallah sind aufgezeichnet worden. Sie bilden das Kernelement dieses Thrillers von Kaouther Ben Hania. Um die Originalmitschnitte der Stimme des Mädchens herum baut der Film fiktional die Vorgänge in der Notrufzentrale des Roten Halbmondes in Ramallah nach. Hier herrscht noch kein Krieg. Die Mitarbeiter arbeiten am Rande der Erschöpfung, denn die Notrufe von Gaza werden hierher umgeleitet, da dort die israelische Armee einmarschiert.
Es geht ein Anruf eines Familienmitgliedes einer palästinensischen Familie ein, die im Auto auf der Flucht vor den Angriffen ist. Omar (Motaz Malhees) nimmt ihn entgegen. Er lässt sich die Nummer der Familie geben, ruft an. Er bekommt die Mutter an den Hörer. Auch diese ist im Originalton zu hören.
Atemstillstand im Zuschauerraum, wie selten im aktuellen Kinobetrieb, wie die Mutter schildert wie sie beschossen werden, ein Panzer nähert sich dem PKW …. Ein weiterer Anrufversuch stellt die Verbindung zu Hind her.
Auch die Mitarbeiterin Nisreen (Clara Khoury) versucht, den Gesprächsfaden aufrecht zu erhalten. Der Standort des Autos ist lokalisiert. Mahdi (Amer Hlehel) organisiert die Hilfsfahrt mit dem Rettungswagen. Es sind nur wenige Kilometer. Aber die Verwaltungswege im Palästinensergebiet sind kompliziert. Nichts geht ohne israelische Genehmigung. Die lassen sich Zeit. Außerdem muss die israelische Armee informiert weden und einverstanden sein, damit sichergestellt ist, dass der Sanitätstransport nicht unter Beschuss kommt.
Dramaturgisch lebt der Film von der Spannung, ob die Rettung gelingen wird, ob das Kind überleben wird. Die Brisanz bezieht er aus dem Verwenden der Originalstimme von Hind. Und wie für einen guten Thriller wünschenswert, liefert der Film so ganz nebenbei einen erschreckenden Einblick in nahöstliche Realitäten, die man in unseren Breiten nicht immer so klar sehen und wahrhaben will, da auch der journalistische Zugang von Israel beschränkt und behindert wird. Makaber wird es, wie Omar und Mahdi Wartezeiten mit Videokriegsspielen überbrücken.